„Selbstverständlich! Schawrow vergißt ganz, daß er hier nicht bei seinen Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das für eine komische Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsun.“
Schawrow führte ruhig und weitschweifig einige Einwände zur Verteidigung seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich sagen wollte.
„Nein,“ widersprach ihm Jurii laut und entschieden, während er den Blick Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fühlte und darüber froh wurde. „Ich kann da nicht zustimmen.“
Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je länger er sprach, um so mehr gab er sich Mühe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er spürte, daß es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wäre.
Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich für gebildeter, intelligenter und vor allem für einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte er diesen Zirkel nur gegründet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berührte ihn unangenehm und zwang ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher nicht bekannt gewesen, und er war daher nicht fähig, sie in vollem Umfange zu bekämpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und stürzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende garnicht vorauszusehen war, schloß sich an. Der Technologe, Iwanow, Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr herausfinden konnte.
Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhörte, öffnete ihr Fenster zum Vorgärtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der Brust verschränkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt, durch die nächtliche Finsternis.
Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmählich traten aus dem schwarzen Dunkel die trächtigen Bäume, der beleuchtete Vorgartenzaun und weiter hinten ein trüb schwankender Lichtfleck, der über das Gras auf den Fußpfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab ihr Schultern und Nacken mit kühlen Strichen, — leise bewegte er zarte, einzelne Härchen an ihrer Schläfe. Karssawina hob den Kopf und unterschied in der allmählich klarer werdenden Finsternis den unaufhörlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte über Jurii, über ihre Liebe nach und glückliche schwere Gedanken erfüllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schön, hier zu sitzen, sich mit dem glühenden Körper der Nacht hinzugeben und dabei mit ganzem Herzen der einen aufreizenden Männerstimme zuzuhören, die für sie ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang.
Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lärmen; es stellte sich immer klarer heraus, daß jeder einzelne sich für gebildeter und intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten erbitterte.
„Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann müssen wir auf den Urgrund aller Ideen zurückgehen.“ Jurii schrie es mit hartnäckiger Anstrengung, — einen gleichen hartnäckigen Glanz in den Augen. Er fürchtete, in Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung zurückweichen zu müssen. Er wußte nicht, daß sie ganz allein auf seine Stimme hörte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte zu achten.
„Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen?“ fragte Hoshijenko spöttisch.