Aus den Seiten dieses Briefes schien Maria Iwanowna ein unheimlicher Schatten beschmutzend auf das Bild ihrer Tochter, das sie nur umgeben von reiner, heiliger Zärtlichkeit kannte, zu fallen. Ihr erstes Gefühl war kummervolle Ratlosigkeit. Dann stiegen Erinnerungen an die eigene Jugend, an Liebe und Enttäuschungen, vor ihr auf; sie gedachte der schweren Schicksalsschläge, die sie in der Zeit ihres Ehelebens durchgemacht hatte. Ein langes Band von Leiden, die durch ein fest geregeltes Leben ineinander verwebt worden waren, reichte bis an ihr Alter heran. Es war ein grauer Streifen mit trüben Flecken von Kummer und Langeweile, mit den abgerissenen Rändern gezähmter Wünsche und Träume; in ihrer Vorstellung rollte er sich als eine lebende Reihe gleichgültiger Tage auf.

Bei dem Gedanken jedoch, daß ihre Tochter die tönerne Wand dieses grauen, verstaubten Lebens durchbrochen haben könnte und vielleicht schon in den hellen Strudel geraten war, wo Lust und Glück chaotisch mit Schmerz und Tod zusammenbranden, ergriff die alte Frau Entsetzen.

Sehr bald löste es sich in Zorn auf. Wenn es in diesem Augenblick möglich gewesen wäre, hätte sie Lyda am Halse gepackt, zu Boden niedergedrückt, mit Gewalt in den engen Gang ihres eigenen Lebens gezogen, von dem in die sonnige Welt nur gefahrlose, winzige Fensterlein eisenvergittert führten, um sie von neuem zu zwingen, den gleichen Weg herunter zu laufen, den sie einst hatte gehen müssen.

... Garstiges, abscheuliches Mädchen, dachte Maria Iwanowna, während ihre Hände verzweifelt auf die Kniee sanken. Doch der Gedanke, daß ja alles nicht über eine gewisse ungefährliche Grenze hinausgegangen sein konnte, beruhigte sie ein wenig. Ihr Gesicht wurde stumpf. Sie begann den Zettel wieder und wieder zu lesen; es gelang ihr aber nicht, aus dem gemacht kühlen Styl etwas Bestimmtes herauszulesen. Da weinte die alte Frau bitterlich im Gefühl ihrer Ohnmacht, rückte ihre Haube zurecht und fragte das Hausmädchen:

„Dunka, ist Wladimir Petrowitsch in seinem Zimmer?“

„Was? ...“

„Dumme Gans, ich frage, ob der junge Herr zu Hause ist.“

„Der Herr sind soeben in ihr Arbeitszimmer gegangen. Sie schreiben einen Brief.“

Maria Iwanowna blickte dem Mädchen hart und streng in die Augen; in ihren gutmütigen, verblaßten Pupillen zeigte sich mit einem Mal wütende Empörung.

„Und du ... wenn du niederträchtiges Frauenzimmer noch einmal Briefchen abgeben wirst, so nehme ich dich mir mal vor, daß dir grün und blau vor den Augen wird.“