Manchmal, wenn sich die Droschke bei scharfen Wendungen auf die Seite neigte, öffnete Sarudin ein wenig die Augen und erkannte durch trübe Nässe die bekannten Straßen, Häuser, eine Kirche, Menschengestalten. Alles war so wie sonst; jetzt aber machte es einen unendlich fernen, fremden und feindlichen Eindruck. Die Passanten blieben stehen und schauten ihnen neugierig nach; wieder schloß Sarudin schnell die Augen und verlor vor Beschämung und Verzweiflung fast die Besinnung.
Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit; er glaubte nicht, daß sie noch einmal ein Ende nehmen würde.
„Nur schneller, nur nach Hause!“ schwirrte es durch sein Hirn, doch sofort tauchten die Gesichter des Burschen, der Zimmerwirtin, der Nachbarn vor ihm auf, und augenblicklich wünschte er, so wie er sich jetzt befand, abzureisen, nur immer unaufhörlich zu fahren, zu fahren, und niemals mehr die Augen aufschlagen zu müssen.
Tanarow, der ihn ununterbrochen an der Seite hielt, empfand für Sarudin ätzende Scham. Er starrte abgemessen geradeaus und gab sich alle erdenkliche Mühe, jedem entgegenkommenden Straßenpassanten klar zu machen, daß er persönlich mit der Sache nichts zu tun habe, und daß nicht er, sondern ein anderer geschlagen worden wäre. Sein Gesicht war gerötet, mit kaltem Schweiß bedeckt, wodurch seine Verwirrung noch gesteigert wurde. Zuerst sprach er noch zu Sarudin, bewegte sich, versuchte zu trösten, wurde aber bald schweigsam und trieb nur mit zusammengepreßten Zähnen den Droschkenkutscher zur Eile an. Daran und an der Unsicherheit der Hand, die ihn halb stützte, halb von sich entfernt hielt, erriet Sarudin, was in Tanarow vorging. Und dieses eine Vorkommnis, daß Tanarow, diese Null, dieser Trottel, dem er immer unendlich überlegen war, mit einem Male das Recht erhielt, sich für ihn zu schämen, gab seinem Bewußtsein, alles sei nunmehr zu Ende, den letzten endgültigen Stoß.
Sarudin konnte nicht ohne fremde Hilfe durch den Hof gehen; er mußte von Tanarow und dem erschrockenen Burschen, der ihnen zitternd entgegen gerannt kam, fast auf den Händen ins Haus geschleppt werden. Ob auf dem Hof noch Leute waren, bemerkte Sarudin nicht. Die beiden legten ihn auf den Divan und hatten zunächst keine Ahnung, was sie mit ihm anfangen sollten. So standen sie kopflos vor seinen überreizten Augen und bereiteten ihm dadurch entsetzliche Qualen. Der Bursche kam zuerst zu sich, geriet in Eile, holte warmes Wasser, ein Handtuch und wusch Sarudin behutsam Gesicht und Hände ab. Der Offizier fürchtete beinahe, seinem Blick zu begegnen, aber das Gesicht des Soldaten zeigte nichts von Schadenfreude, hatte nichts von Verachtung oder Hohn an sich; es sah nur erschrocken und mitleidsvoll, wie das eines alten, gutmütigen Weibes, aus.
„Wo hat man denn das, Hochwohlgeboren ...?“ fragte er Tanarow. „Ach, du lieber Herrgott! Wie war es denn möglich ...!“
„Das geht dich gar nichts an!“ schrie Tanarow mit zornrotem Gesicht, sah sich aber sogleich schüchtern um.
Er ging an das Fenster und griff mechanisch nach einer Zigarette, wurde aber unschlüssig, ob er wohl in Sarudins Zimmer rauchen dürfe. So steckte er das Etui unmerklich wieder in die Tasche.
„Soll ich den Arzt holen?“ fragte der Bursche von neuem. Gewohnheitsmäßig nahm er Haltung an, schien aber auch Tanarow, trotz des Anschnauzens, nicht mehr zu fürchten.
Tanarow spreizte unentschlossen die Finger. „Ja, ich weiß wirklich nicht ...“ er antwortete in einem ganz anderen Ton und sah sich wieder um.