Er machte eine schüchterne Bewegung und klirrte ganz leise mit den Sporen. Sarudin schlug im Augenblick die Augen auf. Die nächsten Sekunden hindurch blieb Tanarow unbeweglich. Doch Sarudin fühlte seinen Wunsch heraus, wie auch Tanarow seinerseits plötzlich wußte, daß Sarudin alles verstehe. Und da geschah etwas Seltsames, Banges. Sarudin schloß rasch wieder die Augen, und Tanarow bückte sich heimlich und schlich auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer, mit der angestrengten Bemühung, sich selber diesen Schlaf einzureden. Aber er konnte gleichzeitig nicht das klare Bewußtsein überwinden, daß sie beide ganz genau wußten, wie der Sachverhalt läge.
Die Tür drückte sich leise ins Schloß, und alles, was sie beide früher so fest und freundschaftlich miteinander zu verbinden schien, war jetzt für immer verschwunden. Sarudin, wie auch Tanarow fühlten, daß sich zwischen ihnen ein luftleerer Raum geschoben hatte, der nicht mehr zu verdrängen war. Von nun an existierte unter allen Menschen Einer nicht mehr für den anderen.
Im Nebenzimmer atmete Tanarow wieder freier auf und fühlte sich bedeutend leichter. Er empfand weder Mitleid noch Bedauern darüber, daß zwischen ihm und Sarudin, mit dem er so viel Jahre gemeinsam verlebt hatte, alles zerbrochen war.
„Höre du,“ sagte er, sich nach den Seiten umschauend, eilig, als wenn es eine lästige Formalität wäre, die er noch zu erfüllen hätte, zu dem Burschen, „ich gehe jetzt fort, und du, paß auf ... wenn etwas vorkommen sollte ... Du wirst schon wissen ... nicht?“
„Zu Befehl!“ erwiderte erschrocken der Bursche.
„Nun, also denn ... Ja ... diese Umschläge da, die wirst du öfters wechseln ...“
Er stieg die Steinstufe herab und sah wieder zufrieden um sich, als er in die breite, menschenleere Straße hinaustrat. Der Abend war schon angebrochen. Tanarow freute sich, daß die Straßenpassanten sein glühendes Gesicht nicht mehr sehen konnten.
„Möglicherweise kann ich auch noch in diese schlimme Geschichte hineingezogen werden,“ dachte er plötzlich, als er in den Boulevard einbog, und ein kalter Hauch wehte durch sein Herz. — „Aber schließlich, was habe ich denn damit zu tun?“ Er gab sich Mühe, nicht mehr daran zu denken, wie er sich selbst auf Ssanin gestürzt hatte, und vor allem nicht an den Stoß Iwanows, der ihn fast zu Boden schleuderte.
„Pfui Teufel, was für eine verfluchte Geschichte da herausgekommen ist!“ dachte Tanarow beim Gehen mit einer ärgerlichen Grimasse und voll Bitterkeit gegen Sarudin. „Nur dieser Esel ist an allem schuld! Er hatte es auch nötig, mit dem Lumpengesindel anzubinden! Pfui, wie ekelhaft!“
Und je mehr er überlegte, welche unangenehme Wendung die Angelegenheit genommen hatte, desto höher reckte sich seine winzige Gestalt, mit den hoch aufgezogenen Schultern und der engen Brust, die im weißen Kittel, engen Reithosen und eleganten Stiefeln steckte, instinktiv auf. Nach allen Seiten begann er drohende Blicke zu werfen.