In jedem entgegenkommenden Passanten sah er Spott und Hohn; jetzt hätte die geringste Andeutung genügt, um die Spannung in ihm zur Auslösung zu bringen. Er wäre mit blankem Säbel vorwärts gestürzt, um ohne Ueberlegung tödliche Hiebe auszuteilen. Aber er begegnete nur wenigen Menschen, und auch die glitten an ihm, wie flache Schatten an den Zäunen des dunklen Boulevards, schnell vorüber.
Zu Hause, während er sich allmählich beruhigte, kam ihm wieder in Erinnerung, wie ihn Iwanow zur Seite geschleudert hatte.
Warum habe ich ihm nicht in die Schnauze geschlagen? ... Ich sollte ihm doch einfach in die Zähne hauen! Schade, daß der Säbel nicht scharf ist! Sonst ... Uebrigens, ich hatte ja den Revolver in der Tasche! Da ist er noch. Ich konnte ihn wie einen tollen Hund niederknallen. Nicht? ... Ich vergaß den Revolver!
... Gewiß habe ich nicht an den gedacht, sonst hätte ich ihn wie einen Hund über den Haufen geschossen! Oder ... vielleicht ist es auch gut, daß ich’s vergessen hatte; ein Totschlag immerhin ... auf jeden Fall gibt’s ein Gericht ... und möglicherweise hatte von ihnen ebenfalls einer einen Browning ... da wäre es möglich gewesen ... wegen eines Nichts ... hole es der Teufel, zu Schaden zu kommen! ... So weiß ja niemand, daß ich den Revolver bei mir hatte, und nach und nach wird man überhaupt das Ganze vergessen ...
Tanarow zog vorsichtig, sich nach allen Seiten umsehend, den Revolver aus der Tasche und legte ihn in die Schublade.
... Ich muß heute noch zum Oberst gehen und ihm melden, daß ich an der Sache unbeteiligt bin ..., beschloß er, indem er die Schublade mit lautem Geklirr abschloß.
Aber stärker noch als dieser Entschluß drängte sich ihm der nervöse, fast prahlerische Wunsch ganz unwiderstehlich auf, in den Klub zu gehen und über den Skandal als Augenzeuge zu berichten.
Im hellerleuchteten Militärklub, der mitten in der dunklen Stadt lag, versammelten sich in aufgeregter, lärmender Entrüstung die Offiziere. Sie hatten von dem Vorfall im Park schon gehört und waren voll geheimer Schadenfreude gegen Sarudin, der sie mit seiner Eleganz und Verve stets auf die Seite drängte. Mit brutaler Neugierde empfingen sie Tanarow, der in seinen eigenen Augen plötzlich zum Helden des Tages wurde. Seiner Bedeutung angemessen schilderte er die Szene bis in die kleinsten Details. In seiner Stimme und den dunklen schmalen Augen zuckte schüchtern das zurückgehaltene und unbewußte Gefühl der Rache.
In der häufigen Wiederholung und Durchschnüfflung all der Einzelheiten, wie Sarudin geschlagen worden war, entschädigte Tanarow gleichsam seine Gehässigkeit für den ganzen Druck des früheren Freundes, für die Geldaffären, die herablassende Behandlung, die sich durch die Ueberlegenheit Sarudins ganz von selbst ergeben hatte.
Der Offizier aber lag ganz einsam, der ganzen Welt fremd, in seinem Zimmer auf dem Divan.