Sein Denken lief in Sprüngen vorwärts.

Doch in der Tiefe arbeitete sich etwas Neues durch, das anscheinend schon einmal dagewesen, aber in seinem oberflächlichen, leeren Offiziersleben, das aus nichts als Lärmen bestand, vergessen worden war. Jetzt tauchte es in dem Unglück, das nichts wieder gut machen konnte und durch die erlittene Qual nur geschärft, von neuem wieder auf.

Einmal stritt von Deutz mit mir darüber, daß einer, der auf die linke Wange geschlagen wird, auch die rechte hinhalten soll, diesmal aber kam er doch selbst und schrie, fuchtelte mit den Armen, regte sich auf, weil sich dieser Kerl geweigert hatte, die Forderung anzunehmen. Da haben sie doch eigentlich die Schuld, daß ich ihn mit der Reitpeitsche züchtigen wollte. Meine ganze Schuld lag darin, daß ich keine Zeit fand, zuzuschlagen ... Das Ganze ist also widersinnig ungerecht ... Und trotzdem die Schande und man darf nicht im Regiment bleiben.

Sarudin faßte ohnmächtig an seinen Kopf, schüttelte ihn auf dem Kissen und verfolgte mechanisch den quälenden Schmerz im Auge. Plötzlich erfaßte ihn eine furchtbare Flut von Grimm und Wut.

— — — Einfach zum Revolver greifen und den Hund über den Haufen schießen ... eine Kugel nach der andern ... Und ihn mit den Stiefelabsätzen ins Gesicht treten, wenn er umfällt. Einfach ins Gesicht, in die Zähne, in die Augen.

Mit nassem schwerem Aufschlag klatschte der Umschlag plump auf den Boden. Sarudin öffnete erschrocken die Augen, sah das kaum beleuchtete Zimmer, die Schüssel mit Wasser, das nasse Handtuch und an der Seite das schwarze bange Fenster, das ihn wie ein schwarzes Auge rätselhaft trübe anstarrte.

— — — Nein es ist gleich, es hilft doch nichts, dachte er, während seine ohnmächtige Verzweiflung allmählich ruhiger wurde. — — Es ist gleich, alle haben gesehen, wie er mich aufs Gesicht schlug und wie ich auf allen Vieren kroch ... Der Geprügelte, der Geprügelte, — — hat eins in die Fresse bekommen. Und man kann es nicht wieder gut machen. Nichts! Niemals werde ich wieder glücklich und frei sein. — —

Wieder bewegte sich etwas Scharfes, ungewöhnlich Klares in seinem Gehirn ... Aber war ich denn wirklich jemals frei, ... Ich gehe doch auch jetzt nur darum unter, weil mein Leben niemals frei und eigen war. Wäre ich denn von selbst zum Duell gegangen ... Hätte ich denn mit der Peitsche schlagen wollen ... Dann wäre ich auch nicht geschlagen worden ... Und alles blieb so schön und glücklich ... Wer und was hat es erfunden, daß man eine Verletzung mit Blut abwaschen muß ... Ich doch nicht. Da habe ich sie abgewaschen ... Mich hat man mit Blut abgewaschen ... Was? ... ich weiß nicht ... Aber aus dem Regiment muß ich heraus.

Das ohnmächtige, ungeschickte Denken versuchte sich emporzuheben, fiel aber wieder wie ein Vogel mit zugestutzten Schwingen nieder. Wohin auch seine Gedanken trieben, immer kehrten sie, wie in einem Kreise eingeschlossen, wieder auf den einen Punkt zurück, — — — daß er aus dem Regiment herausmüsse, daß er nun für immer geschändet sei.

Plötzlich setzte bei ihm Fieber ein. Er begann zu phantasieren. Mit einem Mal sah er ganz klar zwei Bauern. Sie schimpften und prügelten sich und der eine traf den anderen gegen die Schläfe ... dieser, schon alt und grau, stürzte nieder, erhob sich dann und, indem er das aus der Nase fließende Blut mit den Hemdärmeln abwischte, sagte er überzeugt: „Aber ein Narr bleibst du doch.“