Ja, das habe ich einmal mit angesehen, erinnerte er sich endgültig; doch sofort kam ihm wieder klar sein halb dunkles dumpfes Zimmer und die Kerze auf dem Tisch vor die Augen. Nachher tranken die beiden am Monopolladen Wodka.
Wahrscheinlich verlor er das Bewußtsein, denn die Kerze und das Zimmer verschwanden irgendwohin. Aber er hörte doch nicht auf, zu denken ... Später als die Kerze aus der Finsternis wieder vor ihm auftauchte, gelang es ihm nur mit Mühe, diesen Gedanken noch zu entziffern ... Mit einer solchen Schande kann man nicht weiterleben ... So, ich muß also sterben ... Aber ich will durchaus nicht sterben ... Nicht ich doch ... Aha, der gute Name ... aber zum Teufel, was geht mich der gute Name noch an, wenn ich sterben muß ... Aber ich muß doch aus dem Regiment heraus ... Und wie dann weiterleben ...
Als etwas unbegreiflich Trübes und Fremdes erschien ihm seine Zukunft ... Er wich ohnmächtig zurück ... Jedesmal, wenn der leidenschaftliche Durst nach Leben und Glück den Nebel, der sein Gehirn bedeckte, zu vertreiben begann, senkte er sich wieder tiefer herab; wieder stand Sarudin vor einer unabwendbaren Leere.
Die Nacht verging. Schwere Stille lauerte hinter dem Fenster, als ob Sarudin in der ganzen Welt nur allein litt ... Auf dem Tisch brannte und schmolz die Kerze und ihre Flamme floß gelb, gleichmäßig, mit tödlicher Ruhe herunter. Sarudin starrte mit dem in Fieber und Verzweiflung glänzenden Auge ins Feuer und bemerkte nicht, wie die Flamme kleiner wurde; es war ganz erfaßt von dem schwarzen Dunst unendlich verwirrter, kraftloser Gedanken.
Inmitten des Chaos von Erinnerungsfetzen, Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken war eine Empfindung am schärfsten; sie drängte sich wie eine klingende Saite der Trübsal tief ins Herz hinein. Das war der Schmerz, das bemitleidenswerte Bewußtsein seiner völligen Einsamkeit. Irgendwo draußen, da lebten Millionen von Menschen, freuten sich und lachten und sprachen vielleicht auch von ihm; — — — er aber war allein. Vergebens rief sich Sarudin ein bekanntes Gesicht nach dem andern vor die Augen. In blasser fremder gleichgültiger Reihenfolge stiegen sie vor ihm auf, in ihren kühlen Zügen las er nur Schadenfreude und Neugierde. Da erinnerte er sich in schüchterner Trauer an Lyda.
So wie er sie zum letzten Mal gesehen hatte, stellte er sie sich jetzt vor; mit großen Augen, denen jede Lebensfreude fehlte, mit dem schwachen Körper unter dem Hauskleid und aufgelöstem Zopf. In ihrem Gesicht war weder Schadenfreude noch Verachtung zu sehen. Mit traurigem Vorwurf blickte es ihn an und der Zuspruch, daß noch irgend etwas möglich sei, schimmerte in Augen, denen jede Lebensfreudigkeit fehlte. Er erinnerte sich an die Szene, als er sich im Augenblick ihres schwersten Kummers von ihr lossagte. Das messerscharfe Bewußtsein eines unwiederbringlichen Verlustes riß in den tiefsten Fasern seiner Seele.
— — — Und sie litt damals wahrscheinlich noch mehr als ich jetzt. Trotzdem habe ich sie von mir gestoßen. Ich wünschte selbst sogar, daß sie stirbt, daß sie sich ertränkt.
Wie zu einer letzten Zufluchtsstätte streckte sich ihr seine Sehnsucht in verzehrendem Durst nach Liebkosungen und Teilnahme entgegen. Für kurze Zeit kam ihm der Gedanke, daß das Leiden, welches er jetzt durchlebte, die Vergangenheit erlösen könnte. Doch im selben Augenblick wußte er auch, daß Lyda niemals mehr zu ihm kommen würde, weil alles zu Ende sei. Völlige Leere öffnete sich vor ihm wie ein Abgrund. Sarudin hob die Hand, preßte sie fest gegen den Kopf; er schien zu erstarren ... seine Augen waren geschlossen, seine Zähne in der Anstrengung, nichts mehr zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen, aufeinandergepreßt. Aber bald ließ er die Hand fallen, schob sich in die Höhe und setzte sich aufrecht hin. Sein Kopf schwindelte, im Munde brannte es, Beine und Arme zitterten. Er stand auf und ging schwankend, unter dem Druck im Kopfe, der plötzlich ungeheuer schwer wurde, zum Tische.
— — — Alles verloren — — — alles verloren — — — das Leben und Lyda und alles ... Ein greller Blitz klarer Gedanken beleuchtete einen Augenblick sein Schicksal. Er verstand mit einem Schlag, daß es in seinem verschwundenen Leben nichts Gutes und Schönes und Frohes gegeben hatte, sondern daß alles heuchlerisch, beschmutzt und töricht war. Nicht einmal ein besonderer Sarudin, den sein Charakter zu allem berechtigte, hatte existiert. Es gab nur einen ohnmächtigen schüchternen, und verhätschelten Körper, der früher einmal alle Genüsse durchkostete und jetzt Schmerz und Demütigung erlitt. — — — —
— — — Man kann nicht weiterleben, dachte Sarudin klar und ruhig. Um ein neues Leben zu beginnen, muß man alles frühere von sich werfen können, zu einem ganz anderen Menschen werden. Aber das kann ich nicht. — — —