Dem Diakon auf der Kanzel, dem Aufleuchten der Lichter, den betenden und singenden Menschen, den schweren Seufzern und den einsam dröhnenden Schritten am Eingang sah Jurii mit wichtigen und strengen Augen zu. In dieser Stille hörte er deutlich sein kleines Herz, das sich leicht und fröhlich gegen die schwere Stimmung der Kirche auflehnen wollte.
Er stand ohne Bewegung, blickte auf den weißen Hals unter den schwarzen Haaren, auf die weiche Biegung der Taille, die sich unter dem grauen Jackett herausfühlen ließ, und es wurde ihm manchmal so gut, daß der Schlag des Herzens seine ganze Brust durchfloß. Er wünschte so zu stehen, daß ihn alle sähen ... Und obgleich er an nichts glaubte, weder an das Singen, noch das Lesen der Bibelsprüche, noch an die Lämpchen vor den Heiligenbildern, fühlte er doch auch nichts anderes als gutmütige Freundlichkeit für sie. Er bekam selbst Mut, seine Stimmung zu analysieren und mit der trübseligen Gehässigkeit des Morgens, der sie vollständig unähnlich war, zu vergleichen.
... Also kann man doch glücklich sein, fragte er sich innerlich lächelnd und gab sich sofort die ernste Antwort: Sicherlich! Alles, was ich über den Tod dachte, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Fehlen eines vernünftigen Zweckes im Leben, das mag alles ganz wahr und vernünftig sein, aber glücklich kann man trotzdem werden. Ich bin glücklich! Und gerade dank diesem wunderbaren Mädchen, von dem ich vor kurzem noch keine Ahnung hatte.
Ihm stieg die komische Idee in den Kopf, wie sie sich einst, als sie noch kleine, lächerliche Kinder waren, irgendwo hätten begegnen, sich anblicken, sich wieder trennen können, ohne zu wissen, daß sie einmal füreinander das allerteuerste auf der Welt sein, sich einander lieb haben werden und daß sie für ihn alle Geheimnisse ihres Körpers enthüllen wird.
Der letzte Gedanke schloß sich ganz unerwartet an, er wurde von ihm fast beschämt. Gleichzeitig aber fühlte er sich so gut und frei, daß er bis in die Haarwurzeln errötete; er fürchtete sich lange, sie wieder anzublicken.
Karssawina, die da in Gedanken von ihm entkleidet wurde, stand lieblich und rein vor ihm und betete ohne Worte zu Gott, daß Jurii sie so innig und zart lieben möge wie sie ihn.
Wahrscheinlich teilte sich von ihr auch Jurii eine reinigende Welle mit, denn die schamlosen Gedanken glitten mit einem Mal von ihm fort; in seiner Seele wurde es klar und friedlich.
Tränen der Rührung und der Liebe traten warm in seine Augen. Er hob die Blicke, sah das Gold des Heiligenstockes, welches in den Kerzenfeuern Funken sprühte, darüber die zwei Arme des Kreuzes, die sich ihm bei jedem Blick tiefer zusenkten; in Gedanken rief er mit längst vergessener innerlicher Spannung: Gott, wenn du existierst, so lasse es sein, daß dieses Mädchen mich liebt, und daß ich sie immer lieben werde so wie jetzt.
Er schämte sich dieser Gefühlsaufwallung ein wenig, aber diesmal lächelte er nur herablassend über sich.
... Das ist doch nur so ... dachte er.