Sie öffnete halb die hellgewordenen Augen und streckte sich ihm mit trüber, unruhiger Frage entgegen. Doch plötzlich sah sie ebenfalls alles mit raschen, weitgeöffneten Augen vor sich, fühlte seine Blicke sich tief in ihren Körper bohren, und unter unerträglicher Scham erglühend, schlug sie rasch das Kleid herunter und setzte sich aufrecht hin.
Ein qualvolles Durcheinander von Gefühlen durchstürmte Jurii. Jetzt stehen zu bleiben, schien ihm unmöglich, als mache er sich dadurch lächerlich. Ratlos und ohne Besinnung suchte er wieder auf sie einzudringen und sie niederzuwerfen, aber sie wehrte sich ebenso ratlos und ohne Besinnung dagegen. Das kurze, ohnmächtige Balgen, das Jurii trotz des entsetzlichen, hoffnungslosen Bewußtseins seiner lächerlichen und abstoßenden Lage fortsetzte, war in der Tat nur lächerlich und abstoßend. Doch fast in dem Augenblick, als ihr Widerstand versagte und sie von neuem bereit war, sich ihm hinzugeben, ließ er wieder von ihr ab. Karssawina atmete kurz und abgebrochen, wie gehetzt. Es entstand eine auswegslose, schwere Pause; dann sagte er plötzlich:
„Verzeihen Sie mir ... ich bin ... wie verrückt ...“
Sie atmete häufiger; er begriff, daß er das nicht sagen durfte, daß es sie verletzen mußte ... Schweiß bedeckte seinen ohnmächtigen Körper, und wieder murmelten seine Lippen fast wider seinen Willen etwas von dem, was er heute gesehen hatte, über seine Gefühle zu ihr, über jene Gedanken und Zweifel, von denen er immer erfüllt war und durch die er, selbst fortgerissen, auch sie so oft hinriß. Doch in diesen Minuten schien ihm alles, was er sagte, ungeschickt, gebunden, leblos, seine Stimme klang falsch und schließlich brach er ab, plötzlich selber verlangend, daß sie fortginge und dadurch dieser unerträglichen, lächerlichen Situation, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Ende mache.
Wahrscheinlich durchlebte sie dasselbe, denn für einen Augenblick hielt sie ihr Atmen an. Dann flüsterte sie, schüchtern und bittend:
„Ich habe keine Zeit mehr. Ich muß gehen.“
... Was tun, ... was tun, fragte sich Jurii; er wurde am ganzen Körper kalt. Sie standen auf, schauten aber einander nicht an. Mit der letzten Bemühung, noch einmal alles zurückzurufen, umarmte sie Jurii schwächlich. Da erwachte in ihr wieder eine mütterliche Regung, als ob sie sich plötzlich als die Stärkere fühle; weich schmiegte sie sich an ihn und lächelte ihm mit aufmunterndem, lieblichem Lächeln gerade in die Augen.
„Auf Wiedersehen, kommen Sie morgen!“ sagte sie.
Sie küßte ihn so zärtlich, so stark, daß Juriis Kopf schwindelte und ein Gefühl der Ehrfurcht seine ratlose Seele erwärmte.
Als sie fortging, lauschte Jurii lange auf das Rauschen ihrer Schritte, suchte sich dann seine Mütze auf, die voll Erde und Blätter war, schüttelte sie aus, setzte sie auf und ging ins Gastzimmer hinauf, dem Pfad weit ausweichend, über den Karssawina kommen mußte.