Eine Zeitlang saßen alle schweigend und tranken ... Dann wandte sich Jurii zu Ssanin und begann von dem, was er für das beste hielt, zu reden. Er sah Iwanow nicht an, sprach aber doch nur für ihn. Ihm schien es, daß er jetzt nur einige Worte im Zusammenhang zu sagen brauche, um seine Gedanken vollständig zum Ausdruck zu bringen, und niemand würde imstande sein, ihn zu widerlegen. Aber zu seiner Empörung brüllte Iwanow bei Juriis ersten Worten, daß ein Mensch nicht ohne einen Gott leben könne und daß er sich, wenn er einen gestürzt hätte, sofort einen anderen suchen müsse, damit sein Leben nicht ganz sinnlos wäre, über die Schultern weg:

„Aha, das Märchen von Katharina — — das haben wir schon gehört.“

Jurii überhörte geflissentlich den Ausfall und fuhr in der Auseinandersetzung seiner Anschauungen fort. Von der Diskussion hingerissen, bemerkte er garnicht, daß er mit einem Male das, was für ihn selbst noch eine Quelle des Zweifels war, sehr energisch vertrat. Erst am selben Morgen hatte er sich noch Fragen über Glauben und Nichtglauben gestellt. Aber jetzt im Streit zeigte sich, daß er alles schon in sich durchdacht und auf den festesten Grundlagen zu stehen hatte.

Schawrow hörte ihn mit Ehrfurcht und rührseliger Freude an. Ssanin lächelte und Iwanow schaute halb abgewandt hin und warf bei jedem Gedanken, der Jurii originell und individuell vorkam, ein verächtliches: „Auch das haben wir schon längst gehört“ dazwischen.

Jurii brauste endlich auf:

„Hören Sie, das haben wir auch schon oft genug gehört. Es gibt nichts Leichteres, als so ein „gehört“ einzuwerfen. Wenn man keine Einwände findet, sich damit zu beruhigen. Können Sie nur das eine reden: Gehört, gehört, so habe ich ebensogut das Recht, zu sagen: Nichts, garnichts haben Sie gehört.“

Iwanow erblaßte, und seine Augen rollten aufgeregt.

„Vielleicht,“ sagte er mit unverhohlenem Spott und dem Wunsch, zu verletzen, „haben wir wirklich noch nichts gehört. Weder von tragischem Nachdenken, noch über die Unmöglichkeit, ohne Gott zu leben, noch über den nackten Menschen auf der entblößten Erde.“ — — Jeden Satz sprach er in einem Ton, der wie auf Stelzen ging. Doch plötzlich schrie er böse und abgerissen auf: „Denken Sie lieber mal etwas Neues aus.“

Jurii fühlte, daß in Iwanows Hohn ein wahrer Kern stecke. Er erinnerte sich mit einem Mal, wie viele wissenschaftliche Werke er schon durchgearbeitet hatte. Sowohl über Anarchismus, wie über Marxismus, über Individualismus, über den Uebermenschen und den verklärten Christen, über den mystischen Anarchismus, und noch über vieles Andere. In der Tat hatten alle das schon gehört, aber doch änderte sich in ihnen nichts gegen früher und in ihm selbst lag immer noch das schwere Gefühl geistiger Unbefriedigung. Dennoch kam ihm nicht für eine Sekunde der Gedanke, nun zu schweigen. Er sprach mit aller Schärfe weiter, obgleich er selbst sah, daß er damit mehr Iwanow verletzte, als daß er seine Gedanken begründete.

Iwanow geriet in Wut; er wurde jetzt einfach fürchterlich. Sein Gesicht erhielt einen noch blasseren Schein, die Augen wölbten sich in ihren Höhlen und seine Stimme donnerte wild und grob.