„Siehst du, da habe ich mich gestern schlafen gelegt ... Ja, — — hatte mir für den kommenden Schlaf ein Büchelchen vorgenommen, wollte mir den Kopf ein bißchen ausfegen, so ... vorher reinigen. War darin verschiedenes, eitel und Plage. Da kommt mir ein Artikel vor die Augen, wo, wie, wann, und wer verflucht wurde. Ich sehe, es handelt sich nur um eine geistige und seelische Sache ... Ich lese, lese ihn und lese und sehe, mit jeder Zeile wird es immer erschrecklicher. Ich komme an eine Stelle, in der es heißt, wer und wofür man dem Anathema verfällt. Da sah ich ein, allerdings ohne besondere Verwunderung, daß ... gerade ich in einem fort anathematisiert werden müßte. Als ich nun absolute Sicherheit hatte, daß ich von allen bestehenden Kirchen verflucht werden muß, warf ich das Buch beiseite, rauchte eine Weile und schlief ein, ich sage dir, über meinen Platz im Weltall war ich vollständig beruhigt. Durch den Schlummer versuchte ich die Frage zu lösen: Wie nun, wenn Millionen gelebt und mich aus vollster Ueberzeugung mit dem Fluch belegt hätten, so ... und also bei dem Punkt bin ich gerade eingeschlafen ... die Frage blieb sozusagen im Keim. Da begann ich zu fühlen, daß mein rechtes Auge gar kein Auge mehr war, sondern der Papst Pius der Zehnte und mein linkes so etwas wie der Patriarch in Konstantinopel. Und beide verfluchten einander. Und durch eine solche sonderbare Verwandlung der Dinge erwachte ich wieder.“

„Und weiter nichts? ...“ fragte Ssanin.

„Im Gegenteil, Bruder ... Ich schlief von neuem ein.“

„Nun? ...“

„Nun, dann hatte mein Geist überhaupt keine Ruhe mehr. Irgend ein Haus stand mir vor den Augen. Aber nicht unseres, ein ganz unbekanntes. Und im größten Zimmer lief ich von einer Ecke in die andere. Und du, Onkelchen Pjotr Iliitsch, du warst auch irgendwo in der Nähe. Versteht ihr, er sprach und ich hörte zu, aber ich sah ihn nicht, glaube ich, doch ich verstand ihn: — — — ‚Ich merke,‘ sagte dieser Pjotr Iliitsch, ‚wie die Köchin betet.‘ — — — Und ich begreife auch momentan, daß in der Küche auf der Schlafbank die Köchin in der Tat betet. — — — ‚Mir mag es unklar sein und verstehen kann ich es auch nicht, aber ein Mensch, der reinen Herzens ist, ... begreifst du das, reinen Herzens ... Als sie nun betete und uns alle erwähnte, da passierte noch nichts, aber als sie dich, mich und Ssanin erwähnte, so ...‘ Als Onkelchen dies sprach, da fühlte ich, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen muß ... ‚Nicht umsonst beten doch alle einfachen Leute vom Tage der Schöpfung an ...‘ Und da leuchtete es mir ein, gerade zur rechten Zeit, daß es garnicht anders sein konnte, als daß Gott der Köchin erschienen war. Und Pjotr Iliitsch zerfloß vollständig in nichts, aber doch redete er immer weiter ... ‚Ihr soll sich eine Erscheinung gezeigt haben ...‘ Dabei fühlte ich mich weiter garnicht schlecht, denn wenn es auch nicht gerade Gott war, so gab es also doch etwas ... es ist immerhin schmeichelhaft ... Ihr erschien zwar keine Erscheinung, aber dennoch eine Erscheinung. Darauf existierte das Onkelchen überhaupt nicht mehr. Ich wurde unruhig ... Dieses andere, das keine Erscheinung war, hatte meine Ruhe vollständig vernichtet. Um sie wieder herzustellen, mußte man unverzüglich das zerstören, was sich in der Zimmerecke befand und was winselte. Offenbar war es einfach eine Maus. Sie nagte an etwas und nagte es durch ... Sie schien sogar darüber erfreut zu sein. Schwermut packte mich ... die Maus nagte und nagte immerzu ... gleichmäßig und im Takt ... Und dabei erwachte ich gerade.“

„Wärst du doch lieber noch eine Weile nicht aufgewacht,“ bemerkte Ssanin.

„Ja, später habe ich das selber eingesehen.“

Trotz des scherzhaften Tones, in dem Iwanow seinen Traum erzählte, merkte man doch, daß er auf ihn einen starken Eindruck gemacht hatte, der sich in der Tiefe seiner Seele in unbegreiflicher Furcht verwandelte. Er lächelte verzerrt und griff wieder zum Bier.

Alle schwiegen. In diesem Schweigen schien die Finsternis hinter dem Balkon noch näher heranzurücken; keinem war mehr fröhlich, allen nur bange und gelangweilt zumute. Der unbegreifliche Traum drang mit dem dünnen Stachel trübseligen Grauens durch Spott und Unglauben hindurch in die Herzen.

„Ja,“ sagte feierlich Pjotr Iliitsch, „klug seid ihr alle ... Klug wie die Teufel ... Aber es existiert etwas, ... es existiert. Ihr kennt es nicht, aber doch — — — es spricht zu euch.“