„Meinetwegen auch als Landstreicher! Warum denn nicht? Ich seh dich so an und denke mir: Das ist nun auch so einer, der bei Gelegenheit fähig wäre, für irgendeine Konstitution im russischen Reich auf Lebenslang nach Schlüsselburg zu gehen, alle Rechte, seine Freiheit einzubüßen ... und man sollte doch meinen: Was kann ihm die Verfassung sein? ... Aber handelt es sich darum, sein eigenes, überflüssiges Leben umzugestalten und fortzugeben, um einen Sinn und Interesse darin zu suchen, so steht auch schon die Frage vor ihm: Wovon werde ich leben? ... Und werde ich auch ja nicht untergehen, ich der gesunde, kräftige Mann, wenn ich mal mein Gehalt verliere und damit auch die Sahne zum Morgentee, das seidene Hemd und den gestärkten Kragen ... Komisch ist das ... bei Gott komisch!“

„Daran ist garnichts Komisches! Dort handelt es sich um eine Frage der Weltanschauung und hier ...“

„Was hier? ...“

„Ja, wie soll man das auseinandersetzen,“ Nowikow knackte mit den Fingern.

„Hier siehst du, wie du urteilst! Gleich hast du Unterscheidungen zur Hand. Ich werde es dir noch nicht glauben, daß dich die Sehnsucht nach einer Verfassung mehr aufreibt, als Sinn und Interesse an deinem eigenen Leben.“

„Nun, das ist immer noch eine Frage ... Vielleicht doch mehr.“

Ssanin winkte ihm verdrießlich mit der Hand ab:

„Ach laß doch den Unsinn. Schneidet man dir in den Finger, so wird’s dir sicher weher tun, als tut man’s irgendeinem andern Untertanen Väterchens. Das ist Tatsache!“

„Oder Zynismus,“ Nowikow wollte beißend antworten, aber er forderte nur zum Lachen heraus.

„Mag übrigens sein. Aber das steht fest. Obwohl es nicht nur in Rußland, auch in vielen andern Ländern der Welt keine Verfassung, ja nicht einmal eine Andeutung davon gibt, grämst du dich jetzt nur, weil dir dein eigenes Leben nicht das richtige Vergnügen macht. Aber nicht im Geringsten einer Konstitution wegen. Und wenn du was anderes behauptest, so, nun so schwindelst du eben.“ Plötzlich unterbrach sich Ssanin selbst mit frohem Aufleuchten in seinen hellen Augen und richtete sich halb auf: „Du grämst dich ja auch jetzt garnicht, weil dich vielleicht dein Leben anekelt, sondern ganz einfach, weil dich Lyda bisher nicht lieben wollte. Nun, ist es nicht so? ...“