Und von neuem stiegen in der Seele des Mädchens Erinnerungen, die von der Nacht, der Schwüle und der Freiheit hervorgerufen waren, auf; es war ihr wieder peinlich und doch angenehm, um sich zu schauen.

Ihr schien immer mehr, daß Ssanin unmöglich von dem nichts wissen konnte, was mit ihr vorgegangen war. Dadurch wurde ihr Gefühl aber nur stärker und komplizierter. Ein unbändiges, ihr kaum bewußtes Verlangen überkam sie, ihm anzudeuten, daß sie nicht immer ein so zurückhaltendes stilles Mädchen sei, daß sie sich ganz anders, auch nackt und schamlos, benehmen könnte. Diese instinktive Regung berührte sie freudig und ließ ihr Herz leichter schlagen.

„Kennen Sie Jurii Nikolajewitsch schon lange?“ fragte sie mit unruhiger Stimme.

„Nein,“ erwiderte Ssanin. „Warum?“

„So? ... Nicht wahr, er ist doch ein hübscher netter Kerl.“

Durch ihre Worte klang fast kindliche Schüchternheit, als ob sie sich bei einem erwachsenen Menschen, der sie liebkosen und bestrafen konnte, eine Ueberraschung ausbat.

Ssanin sah sie lächelnd an und antwortete: „Ja!“

Karssawina erriet an seiner Stimme, daß er über sie lächele und wurde über und über rot.

„Nein, wirklich ... und wie sehr er ... Er hat wahrscheinlich viel durchgemacht.“

„Wahrscheinlich! Daß er unglücklich ist, stimmt ... Doch haben Sie mit ihm Mitleid?“