„Gewiß!“ sie sagte es mit gemacht naivem Ton.

„Ja, das ist begreiflich. Nur fassen Sie das Wort unglücklich sehr eigenartig auf. Sie glauben doch sicher, daß ein seelisch unbefriedigter, über alles nachdenkender Mensch nicht einfach unglücklich und bemitleidenswert sei, sondern etwas ganz anderes, etwas Besonders darstellt ... Er ist kräftiger, stärker. Das ewige Hin- und Herschleudern seiner Taten von rechts nach links erscheint Ihnen als ein schöner Zug, der dem Menschen das Recht gibt, sich höher als andere einzuschätzen, das heißt nicht so sehr das Recht auf Mitleid, wie auf Achtung und Liebe.“

„Aber wie denn anders? ...“ fragte sie naiv.

Sie hatte noch nie viel mit Ssanin gesprochen. Doch sie hörte ihn stets als einen ganz eigenartigen Menschen beurteilen, und sie empfand in seiner Gegenwart die Nähe von etwas Neuem, Interessantem, das sie erregte.

Ssanin lächelte: „Es gab eine Zeit, wo der Mensch ein beschränktes viehisches Leben führte, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, was er treibt und fühlt. Dann kam die Zeit des bewußten Lebens. Die zweite Stufe war die der Umwertung aller Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche. Auf dieser steht auch Jurii Swaroschitsch, der letzte der Mohikaner einer in die Ewigkeit versinkenden Periode menschlicher Entwickelung. Wie alles, was am Ende steht, sog er alle Säfte seiner Zeit in sich ein. Bis in das Innere seiner Seele ist er durch sie vergiftet. Er kennt kein Leben als dieses eine ... Alles, was er tut, ruft in ihm endlosen Streit darüber hervor, ob es gut, ob es schlecht ist. Das ist bei ihm bis zur Lächerlichkeit übertrieben. Als er der Partei beitrat, zweifelte er, ob es nicht unter seiner Würde sei, in Reih und Glied mit den andern zu stehen. Seit seinem Austritt aus der Partei quält ihn wieder der Gedanke, ob es nicht erniedrigend ist, sich abseits von der allgemeinen Bewegung zu halten. Uebrigens, solche Menschen gibt’s in Menge. Es ist die Mehrzahl ... Jurii Swaroschitsch bildet nur darin eine Ausnahme, daß er nicht so dumm ist wie die anderen und daß der Kampf mit sich selbst in ihm nicht lächerliche, sondern manchmal wirklich tragische Formen annimmt. Irgend ein Nowikow, der mästet sich nur an seinen Zweifeln und Leiden wie eine im Stall eingesperrte Zuchtsau, Swaroschitsch aber, der schleppt vielleicht tatsächlich eine Katastrophe in sich herum.“

Ssanin hielt plötzlich an. Seine eigene laute Stimme und die täglichen einfachen Worte, scheuchten den nächtlichen Zauber fort; das tat ihm leid. Er schwieg still, sah nur das Mädchen an, ihre schwarzen Augenbrauen auf dem weißen Gesicht, ihre hohe Brust.

„Ich verstehe nicht, wie Sie so von Jurii Nikolajewitsch reden können. Als wenn er selbst daran schuld wäre, daß er so ist und nicht anders. Wenn ein Mensch vom Leben unbefriedigt ist, so steht er also höher als das Leben.“

„Ein Mensch kann niemals höher als das Leben stehen. Er ist selbst nur ein Teilchen des Lebens. Unbefriedigt kann es wohl sein, aber die Ursachen liegen in seiner eigenen Person. Er kann es entweder nicht oder wagt es nicht, sich von dem Reichtum des Lebens so viel anzueignen, wie er tatsächlich für sich bedarf. Die einen sind lebenslang in einem Gefängnis eingesperrt, die andern wagen einfach nicht aus ihrem Bauer herauszufliegen, so wie Vögel, die schon zu lange in einem festgehalten wurden. Der Mensch ist solange eine harmonische Verbindung von Geist und Seele, wie sie noch nicht durchbrochen ist. Auf natürlichem Wege wird sie nur durch das Nahen des Todes gelöst, aber auch wir selbst können sie aufheben — — — durch eine mißglückte Weltanschauung. Wir haben die Wünsche unseres Körpers als Bestialität gebrandmarkt, fingen an, uns ihrer zu schämen, umkleideten sie mit einer erniedrigenden Form, und schafften ihnen eine einseitige Existenz. Diejenigen unter uns, die ihrem Charakter nach schwach sind, fristen ein Leben in Ketten. Aber solche, denen die Kräfte nur infolge der falschen Lebensauffassung, an die sie gebunden sind, fehlen, das sind Märtyrer. Die unterdrückte Energie reißt an ihren Fesseln, der Körper verlangt nach Freude und quält sich selbst. Ihr ganzes Leben lang krochen sie zwischen Zwiespälten, klammern sich an jeden Strohhalm in der Sphäre neuer sittlicher Ideale und schließlich grämen sie sich zu Tode in der Furcht, zu leben und zu fühlen.“

Mit unerwarteter Kraft fiel ihm Karssawina ins Wort:

„Ja, ja, so ist es!“