Eine Menge neuer, unerwarteter Gedanken stieg leicht in ihr auf. Sie schaute mit glänzenden Augen um sich und die machtvolle prächtige Schönheit der Fülle, die im unbeweglichen Fluß, im finstern Wald, in der Tiefe des blauen Himmels mit dem nachdenklichen Mond, um sie ausgegossen war, strömte in tiefen Wellen in ihren Körper und ihre Seele ein.

Des Mädchens begann sich jenes eigentümliche Gefühl zu bemächtigen, das ihr bereits bekannt war, das sie liebte und fürchtete, das Gefühl trüben Suchens nach der Auslösung von Kraft und Bewegung, — — von Glück.

„Ich träume immer von der glücklichen Zeit,“ sprach Ssanin nach einer Weile, „wo zwischen den Menschen und dem Glück nichts mehr stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugänglichen Genüssen hingeben kann.“

„Und was dann? ... Wieder Barbarei? ...“

„Nein! Das Zeitalter, in dem die Menschen nur mit dem Unterleib lebten, war zwar barbarisch grob und arm ... unseres aber, wo der Körper dem Geist unterworfen ist und in die Rumpelkammer gedrängt wurde, ist auch nur sinnlos schwach. Doch die Menschheit hat nicht umsonst gelebt. Sie wird neue Lebensbedingungen ausfinden ... in denen es keinen Platz mehr geben wird ... weder für Bestialität noch für Asketik.“

„Sagen Sie bitte ... und die Liebe ... gibt sie Pflichten ...“ fragte Karssawina unerwartet.

„Nein, — — denn die Pflichten, die die Liebe gibt, sind für den Menschen nur durch die Eifersucht schwer geworden. Die Eifersucht aber wurde allein durch die Sklaverei ins Leben gerufen. Jede Sklaverei zieht Böses nach sich. Die Menschen sollen die Liebe genießen ... ohne Furcht und Entsagung, ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zufälligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern.“

— — — ich habe doch damals nichts gefürchtet, dachte das Mädchen mit Stolz und sah Ssanin plötzlich an, als säße er zum ersten Mal vor ihr.

Groß und kräftig lehnte er am Steuer, mit von der Nacht verdunkelten Augen; seine breiten Schultern waren unbeweglich wie aus Eisen. Unverwandt blickte ihn Karssawina mit bangem Interesse an. Mit einem Mal kam ihr der Gedanke, daß sie vor sich eine ganze Welt unbekannter, eigenartiger Gefühle und Kräfte liegen habe; ihr kam der Wunsch, sie in sich aufzunehmen.

... er ist doch sehr interessant, schwirrte es fein durch ihren Kopf. Sie lächelte sich selbst verstohlen zu, aber eine stechende Aufregung durchzuckte ihren ganzen Körper mit nervösem Zittern.