„Du bist mir ein schönes Hundevieh,“ sagte Ssanin, ihn streichelnd.
Nowikow hielt sich mühsam zurück, mit ihm Streit zu beginnen, fürchtete aber, daß Ssanin noch einmal das berühren könnte, was ihn auf der ganzen Welt am tiefsten traf. Und doch schien ihm alles andere, das ihm in den Kopf stieg, gleichgültig, leer und tot in Vergleich mit jedem Gedanken an Lyda.
„Und wo ist Lyda Petrowna? ...“ fragte er ganz mechanisch, grade das, was er am liebsten fragen wollte, aber sich eigentlich nicht zu fragen getraute.
„Lyda? ... Wo soll sie sein? ... Sie wird auf dem Boulevard mit den Offizieren herumlaufen.“
Nowikow empfand einen schmerzlichen Stich. Eifersüchtig erwiderte er: „Lyda Petrowna ... sie ist so klug und entwickelt, ... wie kann sie ihre Zeit mit diesen vernagelten Kerlen verbringen? ...“
„Eh, mein Freund, Lyda ist jung, schön und gesund, ganz wie du auch; — — vielleicht noch mehr, weil sie das hat, was dir fehlt, die Gier nach allem. Sie möchte gerne alles wissen, alles durchempfinden. Ah, da ist sie ja selbst. Schau sie nur an und begreife doch, was für eine Schönheit sie ist.“
Lyda war im Wuchse kleiner, aber bedeutend schöner als ihr Bruder. In ihr überraschte die feine und zauberhafte Verknüpfung reizender Zärtlichkeit und gewandter Kraft; der leidenschaftliche, stolze Ausdruck ihrer dunklen Augen und ihre weiche und klangvolle Stimme, auf die sie stolz war. Langsam und sich beim Gehen ein wenig mit dem ganzen Körper wiegend, wie eine junge, prachtvolle Stute, stieg sie die Steinstufen, ihr langes, graues Kleid geschickt und sicher raffend, herab. Hinter ihr gingen zwei junge, hübsche Offiziere in glänzenden, hohen Reitstiefeln und enganliegenden Hosen; sie verwickelten sich in die Sporen, deren Klirren den Eindruck hervorrief, als ob es von ihnen selbst übertrieben würde.
„Wer ist das? ... Eine Schönheit?“ ... fragte Lyda, indem sie den ganzen Garten mit ihrer weiblichen Frische und ihrer klangvollen Stimme erfüllte.
Sie reichte Nowikow die Hand und schielte argwöhnisch auf den Bruder, an den sie sich immer noch nicht gewöhnen konnte; sie begriff nicht, wann er lachte und wann er im Ernst sprach. Als ihr Nowikow die Hand drückte, bemerkte sie nicht, wie scheu und ehrfurchtsvoll seine Blicke auf ihr ruhten; sie erregten sie nicht mehr wie früher.
„Guten Abend, Wladimir Petrowitsch,“ grüßte, die Sporen aneinanderklirrend und den ganzen Körper reckend, der Offizier, der von größerem Wuchs und der Schönere war.