Eine leichte Kühle, neugierig und feige, drängte sich an Juriis Herz.
— — — Vielleicht doch noch einmal probieren, wie? Nicht im Ernst — so, zum Scherz! Nicht, um gleich ... sondern einfach so ... es wäre doch immerhin interessant! Er sagte es sich, gleichsam, als müßte er sich vor jemandem entschuldigen.
Im Augenblick, als er den Revolver aus dem Schubfach des Tisches nahm, überkam ihn unsinnige Scham; der Gedanke, daß Dubowa, Schawrow, Ssanin und an allererster Stelle Karssawina erfahren oder erraten könnten, was für kindische Experimente er mit sich anstellt, erschreckte ihn.
Verstohlen wie ein Dieb steckte er die Waffe in die Tasche und ging auf die Garten-Terrasse hinaus. Auf ihren Stufen lagen dürre, leichengelbe Blätter. Jurii berührte sie mit den Stiefelspitzen, lauschte dem schwachen Knistern und summte eine langgedehnte traurige Weise vor sich hin.
Ljalja, die mit Buch und Schirm vom Garten ins Haus ging, hörte ihn.
„Was für eine Melodie,“ fragte sie ihn. Sie war glücklich; sie war unten am Fluß mit Rjäsanzew zusammengetroffen und kehrte frisch und bewegt von seinen Küssen zurück. Niemand hinderte die beiden, sich, wo sie wollten, zu sehen, aber im Geheimen, in der Leere und dem Schweigen des alten Gartens lag das Eindringliche, wovon die Küsse krampfhafter wurden und in Ljalja neue Wünsche erweckten.
„Als wenn du deine Jugend zu Grabe trägst!“ fügte sie im Vorbeigehen hinzu.
„Dummheiten!“ erwiderte Jurii böse; von diesem Augenblick an fühlte er das Nahen eines Schicksals, das stärker war als er selbst ...
Wie ein Tier in Todesnot begann Jurii vorwärts zu laufen und einen Flecken für sich zu suchen. Im Hofe fand er ihn nicht; er mußte zum Fluß hinunter gehen, wo gelbe Blätter mit glänzenden Sommerfäden schwammen. Er warf einen dürren Zweig ins Wasser und schaute lange hin, wie über die Oberfläche rasch schwache Kreise liefen und die schwimmenden Blätter erzitterten. Dann schritt er wieder ins Haus, wo sich die letzten roten Blumen einsam und schwermütig wie roter Trauerschmuck von den zertretenen, vergilbten Beeten abhoben. Jurii stand hier eine Weile und schlenderte dann wieder ohne Grund in die Mitte des Gartens.
Auch dort war alles im Verfall; die Zweige traten wie schwarze Samtarabesken im goldenen Spitzennetz der Blätter hervor. Nur ein Baum war noch grün — die Eiche, die majestätisch ihre schönen Blätter trug. Auf einer Bank hinter der Eiche saß der mächtige Kater mit rotem Fell und wärmte sich an der Sonne.