Viele schöne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt aus.
Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schändung und Hinrichtung führt. Trotzdem sie wußte, daß Jurii alles, was sich zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war, konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreißen, daß zwischen seinem Selbstmord und dem „Geschehenen“ ein Zusammenhang bestände, der niemals zu enträtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld auf sich; sie fühlte sich als das unglücklichste Geschöpf in der ganzen Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, das Bild des Toten umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, floß sie in unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Haß gegen Ssanin über.
Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufällige Annäherung an ihn; aber noch abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund geschleudert worden, daß es für sie keine Rückkehr mehr gab. Als Ssanin an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und Widerwillen an und wandte sich momentan ab.
Die eisige Berührung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles, was sie empfand und dachte; er verstand, daß er für sie von nun an stets ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er überlegte eine Weile, dann schloß er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen mit seinen wehmütig herabhängenden gelben Haaren einherging.
„Höre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt,“ meinte Ssanin.
Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertönten die hohen Noten des Trauergesanges, der Baß von Pjotr Iliitsch zitterte deutlich und schwermütig durch die Luft und verklang über den anderen Stimmen.
„Das Ganze ist einfach zum Staunen,“ sagte Iwanow. „Im Grunde war doch dieser Mensch nur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an!“
„Ich bin überzeugt, mein Lieber,“ erwiderte ihm Ssanin, „daß er drei Sekunden vor dem Schuß noch nicht gewußt hatte, daß er losknallen wird. Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben!“
„Das ist ’ne Sache ... Aber, — seinen Platz hat er schließlich doch gefunden.“ Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen unverständlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein beruhigen konnte.
Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bäume standen da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen lugte noch grünes Gras unter der Schicht abgefallener Blätter hervor; auf den Wegen waren die Blätter vom Wind in dichte Haufen zusammengefegt, so daß gelbe Bäche über den ganzen Kirchhof zu fließen schienen. Weiß schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau standen Marmordenkmäler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden Wesens kund, als wäre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen, welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermütige Gestalt durch die Alleen gegangen, hätte an den Gräbern gesessen und ohne Tränen und Hoffnungen still für sich getrauert.