Maria Iwanowna blickte ihren Sohn mit Erstaunen an. Sie konnte ihn absolut nicht verstehen; sie begriff ebensowenig wie Lyda, wenn er scherzte oder Ernst machte; und vor allem nicht, warum er grade entgegengesetzt dachte und empfand wie sie, während doch alle ihre Bekannten mit ihr fast gleicher Auffassung waren. Nach ihren Begriffen mußte der Mensch immer das denken, empfinden und tun, was alle Menschen dachten, empfanden und taten, die mit ihm in bezug auf Besitz, Bildung und soziale Lage gleichstanden.

Für sie war es ganz natürlich, daß Menschen nicht einfach nur Menschen sein sollten, mit all den individuellen Eigenheiten, welche die Natur in sie hineingelegt hat, sondern Personen, die in eine allen gemeinsame Form gegossen waren.

Ihre Umgebung befestigte sie in dieser Anschauung: Darauf wurde auch das Schwergewicht der erzieherischen Tätigkeit gelegt und allein durch sie wurden die Unterschiede zwischen Gebildeten und Ungebildeten ausgeprägt. Die letzteren durften ihre Individualität bewahren und wurden dafür von den andern verachtet; diese Andern aber zerfielen in Gruppen, die allein der anerzogenen Bildung entsprachen. Ihre Ueberzeugungen hatten sich nicht nach ihren persönlichen Anlagen, sondern nach ihrer Stellung zu richten: — — — jeder Student war revolutionär, jeder Staatsbeamte bourgeois, jeder Schauspieler schlug über die Stränge und jeder Offizier war mit übertriebenen Ehrbegriffen ausgestattet. Wenn sich plötzlich ein Student als Konservativer, ein Offizier als Revolutionär herausgestellt hätte, so wäre das zum mindesten sehr eigenartig, wahrscheinlich aber äußerst unangenehm gewesen. Ssanin durfte seiner Herkunft und Erziehung nach garnicht so sein, wie er sich gab, und Maria Iwanowna sah ihn, wie Lyda, Nowikow und alle, die auf ihn stießen, mit dem ärgerlichen Gefühl getäuschter Erwartung an. Mit dem Instinkt der Mutter merkte sie sofort den Eindruck, den ihr Sohn auf die ganze Umgebung machte und dieser Eindruck war ihr sehr schmerzlich.

Ssanin empfand es. Er hätte die Mutter gerne beruhigt, wußte aber nicht, wie er es anfangen sollte. Einen Augenblick kam ihm sogar der Gedanke, sich zu verstellen und der Mutter einige beruhigende Worte zu sagen. Aber es wollte ihm nichts einfallen; er lachte auf, erhob sich und ging ins Haus.

Gelangweilt legte er sich aufs Bett und begann darüber nachzudenken, wie die Menschen die ganze Welt in ein Kloster verwandeln wollen, mit einer Regel für alle. Und diese Regel ist auf der Vernichtung jeder Persönlichkeit und ihrer Unterwerfung unter die strikten Anordnungen einer geheimnisvollen Greisenhaftigkeit aufgebaut. Dann gingen seine Gedanken auf das Schicksal des Christentums über und die Rolle, die es in der Geschichte gespielt hat; diese Gedanken langweilten ihn aber so, daß ihn unmerklich der Schlummer überkam und er bis zum Abend durchschlief.

Maria Iwanowna hatte noch lange hinter ihm hergeschaut; endlich seufzte sie auf und wurde nachdenklich. Sie sann darüber nach, daß Sarudin offenkundig Lyda den Hof machte und sie wünschte im stillen, daß es ihm ernst wäre.

— — — Lyduschka ist schon zwanzig Jahre alt, zog es ihr leise durch den Kopf, und Sarudin scheint ein guter Mensch zu sein. Man sagt, daß er in diesem Jahre eine Schwadron bekommen wird. Nur, — — Schulden hat er bis über den Kopf. Und weshalb habe ich nur diesen abscheulichen Traum gehabt. — — — Dieser Traum, den Maria Iwanowna an demselben Tage gesehen hatte, als Sarudin zum erstenmal zu ihnen ins Haus kam, quälte sie unaufhörlich und Gott weiß warum. Sie hatte geträumt, daß Lyda in einem weißen Kleide über ein Feld ging, und die Weiße des Kleides schien ihr ein großes und schweres Unheil vorauszusagen — — —

Maria Iwanowna ließ sich jetzt in einen Korbsessel nieder, stützte nach Art der alten Frauen den Kopf in die Hand und sah lange in den allmählich dunkler werdenden Himmel. Kleinliche, aber zähe und verdrossene Gedanken schoben sich durch ihren Kopf. Es war ihr grämlich und beängstigend zumute.