Zuerst wollte ihn Ssanin anrufen; er bedachte sich aber anders und lächelte nur. Es kam ihm sehr komisch vor, daß sich Nowikow an den Haaren riß und beinahe heulte, nur weil es eine Frau, deren Gesicht, Schultern und Füße ihm gefielen, ablehnte, sich ihm hinzugeben. Dann aber war es Ssanin auch angenehm, daß seine schöne Schwester Nowikow nicht liebte.

Lyda stand einige Minuten unbeweglich auf demselben Fleck und Ssanin folgte mit scharfer Aufmerksamkeit dem hellen Umriß ihrer Gestalt, auf die grell das Mondlicht fiel. Durch die schon im Mondlicht liegende Tür trat Sarudin auf die Terrasse heraus; für Ssanin war sein vorsichtiges Sporengeklirr deutlich hörbar.

Im Saale spielte jetzt Tanarow einen alten Walzer mit zerrinnenden, duftigen Lauten zaghaft und grämlich.

Sarudin ging leise auf Lyda zu und umschlang ihre Taille mit einer weichen, geschmeidigen Bewegung; es fiel Ssanin auf, wie plötzlich zwei Schatten in einen zusammenflossen, der dann im Mondenlicht sonderbar hin und her schwankte. „Worüber sinnen Sie so verloren nach?“ flüsterte Sarudin leise; seine Lippen ergriffen ihr kleines, zartes Ohr, und seine Augen blinkten dicht vor den ihren.

Lyda schwamm es süß und ängstlich durch den Kopf. Wie immer, wenn sie und Sarudin sich umarmten, erfaßte sie ein eigentümliches Gefühl. Sie war sich klar, daß er seiner geistigen Entwicklung nach unendlich niedriger stände als sie und daß sie sich ihm niemals unterwerfen würde. Gleichzeitig aber beherrschte sie ein angenehmer Schauer der Unsicherheit bei dem Gedanken, diese Berührungen einem starken und schönen Mann zu gewähren; es war, als blicke sie in einen bodenlosen Abgrund: — — — Und mit einemmal raffe ich mich auf und stürze mich hinunter ... will es und stürze mich ...

„Man wird uns sehen ...“ flüsterte sie kaum hörbar, ohne sich aber stärker an ihn zu drücken oder sich weiter von ihm zu entfernen, während sie ihn grade durch diese hingebende Passivität noch mehr lockte und erregte.

„Ein Wort!“ fuhr Sarudin fort, indem er sich, mit heißem Blut übergossen, stärker an sie drängte.

Lyda zitterte. Diese Frage stellte er nicht zum ersten Mal an sie und stets begann in ihr etwas zu sehnen und zu beben, das sie schwach und willenlos machte.

„Wozu das?“ fragte sie ihn dumpf und ihre Augen blickten, von irgendeinem feuchten Schimmer überzogen, weit geöffnet in den Mond.

Sarudin konnte und wollte ihr nicht die Wahrheit sagen, obgleich er wie alle Männer, die bei Frauen Glück haben, fest davon überzeugt war, daß Lyda ihn verstand und im Inneren dieselben Wünsche hatte; sie ängstigte sich nur.