Wladimir Petrowitsch, der nichts von allem gehört, aber doch genug gesehen hatte, um Sarudins Lage zu begreifen, ging ihm mit einer Empfindung der Eifersucht nach. — — — Welch ein Glück doch solche Bestien haben, dachte er. Weiß der Teufel ... Lyda und dieser ...

Das Abendbrot wurde im Eßzimmer eingenommen. Maria Iwanowna war nicht gut aufgelegt, Tanarow schwieg gewohnheitsmäßig und träumte davon, wie angenehm es sein müßte, Sarudin zu ähneln und von einem Mädchen wie Lyda geliebt zu werden. Es schien ihm, daß er sie nicht so wie Sarudin lieben würde, der nicht imstande war, ein solches Glück zu schätzen.

Lyda war blaß und schweigsam; sie schaute niemanden an. Listig und behutsam dagegen benahm sich Sarudin, wie ein Raubtier auf der Fährte, und Ssanin gähnte wie immer, aß, trank sehr viel Wodka; dem Anschein nach war er äußerst schläfrig. Das hinderte ihn aber nicht, nach dem Abendessen zu erklären, er wolle sich noch nicht hinlegen und werde statt eines Spazierganges Sarudin nach Hause begleiten.

Ssanin und Sarudin gingen bis zur Wohnung des Offiziers in fast völligem Schweigen; — — um sich die tiefe Nacht. Nur in den obersten Wolkenschichten schwamm, kaum sichtbar, der Mond. Ab und zu blickte Ssanin auf den Offizier und überlegte, ob es nicht das beste wäre, ihm eine herunterzuhauen.

„Ja,“ sagte er plötzlich, schon dicht vor Sarudins Wohnung, „es gibt Verschiedenes in der Welt; zum Beispiel so allerlei Lumpen.“

„Wie meinen Sie das? ...“ fragte Sarudin, vor Verwunderung die Augenbrauen hochziehend.

„Ja, so im allgemeinen. Aber grade die Lumpen, das sind die interessantesten Kerle.“

„Was sagen Sie da? ...“

„Natürlich, es gibt nichts Langweiligeres in der Welt, als ein rechtschaffener Mensch zu sein. Was ist so einer? Das Programm der Rechtschaffenheit und Tugend, das ist doch eine allbekannte Geschichte; was sollte es darin Neues geben? In diesem alten Plunder geht dem Menschen jede Individualität verloren. Das ganze Leben engt sich in einen öden, platten Rahmen der Anständigkeit ein. Hehle nicht, lüge nicht, verrate nicht, brich nicht die Ehe, und dabei ist die Hauptsache, daß grade alles dies am festesten im Menschen sitzt; jeder Mensch lügt, verrät, und betreibt besagtes Ehebrechen, nach Maßgabe seiner Kräfte.“

„Doch nicht jeder,“ bemerkte nachsichtig Sarudin.