„Nein, jeder! Es genügt schon, sich in das Leben eines anderen Menschen hineinzuversetzen, um darin auf die Sünde zu stoßen. Sehen Sie, in dem Augenblick, wo wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, uns dann ruhig schlafen legen und zum Mittagessen niedersetzen, verüben wir schon Verrat.“

„Aber was sprechen Sie da?“ rief Sarudin unwillkürlich entrüstet.

„Nun wir zahlen Steuern, genügen unsern Bürgerpflichten und die Folge davon ist, daß wir dem Staat die Mittel geben, Tausende von Menschen in denselben Krieg zu schicken, über dessen Ungerechtigkeit wir uns empören. Wir legen uns schlafen und wir denken garnicht daran, die zu retten, die sich gleichzeitig für unsere Ideen aufopfern. Wir verzehren soviele überflüssige Bissen und lassen Menschen Hungers sterben, für deren Wohlergehen wir sorgen müßten, wenn wir wirklich tugendhafte Menschen wären. Und so fort. Das ist ja verständlich. Aber eine andere Sache ist es mit dem Lumpen, dem echten, aufrichtigen Lumpen. Das ist vor allen Dingen ein vollkommen offener, natürlicher Mensch.“

„Ein natürlicher? ...“

„Gewiß, unbedingt. Er tut eben das, was für einen Menschen ganz natürlich ist. Er sieht irgendetwas, was ihm nicht gehört, aber gefällt, und nimmt es sich. Er sieht ein prachtvolles Weib, das sich ihm nicht gleich hingeben will, also nimmt er es mit Gewalt oder mit List. Und das ist vollkommen natürlich, weil das Bedürfnis und Verständnis für den Genuß grade einer der wenigen Züge ist, wodurch sich der Mensch vom Tiere unterscheidet. Je mehr Tier das Tier ist, um so weniger weiß es etwas vom Genuß oder ist imstande, ihn zu suchen. Tiere befriedigen nur ihre Triebe. Ich glaube, darüber sind wir uns doch alle klar, daß der Mensch nicht zum Leide geschaffen ist, und daß Leiden nicht das Ideal menschlichen Strebens sein kann.“

„Selbstredend,“ gab Sarudin zu.

„Also liegt im Genuß das Ziel des Lebens. Paradies ist gleichbedeutend mit absolutem Genuß und alle Menschen träumen auch, so oder so, vom Paradies auf Erden. Ursprünglich war es ja auch hier unten, wie man sagt. Und dieses Märchen vom Paradies ist keineswegs ein Unsinn; es ist ein Traum und ein Symbol.“

„Ja,“ sagte nach einigem Schweigen Sarudin, „die Enthaltsamkeit ist wirklich keine natürliche Eigenschaft des Menschen; am aufrichtigsten sind tatsächlich die, welche ihre Begierden garnicht zu unterdrücken suchen.“

„Ganz recht,“ fiel ihm Ssanin ins Wort, „das heißt also solche, die man in unserer Gesellschaft Lumpen nennt. Sehen Sie, wie Sie zum Beispiel.“

Sarudin zitterte und prallte zurück.