„Sie sind natürlich,“ fuhr Ssanin fort und tat so, als wenn er nichts bemerkt hätte, „der beste Mensch von der Welt. Wenigstens in Ihren eigenen Augen. Aber gestehen Sie, trafen Sie jemals einen Menschen, der besser war als Sie? ...“
„Viele,“ antwortete unentschlossen Sarudin, der ihn jetzt überhaupt nicht mehr begriff und nicht mit sich ins Reine kommen konnte, ob es angebracht wäre, sich beleidigt zu fühlen oder nicht.
„Sagen Sie wen? ...“
Sarudin zog schwankend die Schultern an.
„Nun da haben Sie’s,“ rief Ssanin heiter, „zuletzt bleiben Sie doch selbst der allerbeste Mensch. Und ich zähle mich natürlich auch zu ihnen. Und haben wir beide nicht, wenn’s drauf ankommt, den Wunsch, zu stehlen, zu lügen und ehezubrechen? Selbstverständlich, ... vor allen Dingen ehezubrechen.“
Sarudin schob wieder die Schultern in die Höhe.
„Originell,“ murmelte er.
„Meinen Sie?“ fragte Ssanin, mit einer unfaßbaren Nuance von Spott. „Von der Seite habe ich es noch garnicht angesehen. Ja, Lumpen sind die aufrichtigsten Menschen. Nebenbei auch die interessantesten. Weil man sich in der menschlichen Lumpenhaftigkeit gar keine Schranken und Begrenztheit vorstellen kann. Einem Lumpen werde ich stets mit ganz besonderer Hochachtung und großem Genuß die Hand drücken.“
Und mit einem ungewöhnlich offenen, freudigen Gesicht drückte Ssanin dem Offizier die Hand, schaute ihm dabei liebenswürdig gerade in die Augen, verdüsterte sich aber plötzlich und murmelte, nun schon mit völlig veränderter Stimme: „Adieu, gute Nacht!“ und ging fort.
Sarudin blickte, einige Minuten unbeweglich auf demselben Flecke stehend, dem fortgehenden Ssanin ganz verdutzt nach. Er wußte nicht, wie er seine Worte aufnehmen sollte und er befand sich daher in einer selten peinlichen Stimmung. Aber sofort wurde sie durch die Erinnerung an Lyda verdrängt; — — er dachte daran, daß Ssanin ja ihr Bruder sei und daß er im Grunde wohl recht hätte; im selben Augenblick empfand er für ihn auch ein Gefühl brüderlicher Liebe und Freundschaft.