Aus dem Nebenzimmer hörte man das Geklirr von Gläsern und Löffeln, das Rücken von Stühlen; dazwischen das lustige Lachen Ljaljas und eine aristokratische Herrenstimme, die Jurii völlig unbekannt war.
Zuerst kam es ihm vor, als ob er noch immer im Eisenbahnwagen dahinführe, dessen Fensterscheiben und Puffer klapperten und krachten und wo vom Nachbarabteil her Stimmen unbekannter Leute zu ihm drangen. Doch sofort besann er sich wieder auf seine Umgebung; er erhob sich rasch und setzte sich im Bette aufrecht hin.
„Ach ja,“ er dehnte das Wort lang durch die Lippen und fuhr sich mit allen fünf Fingern durch das dichte und widerspenstige, schwarze Haar. Nun bin ich also wirklich hier gelandet ... Seine Gedanken sammelten sich und mit einem Mal kam er ganz erstaunt zu dem Schlusse, daß er eigentlich garnicht nach Hause hätte zurückkehren sollen. Die Wahl des Aufenthaltsortes war ihm freigestellt worden; wie er glaubte, folgte er nur einem plötzlichen Einfall, als er, ohne sich lange zu besinnen, nach Hause fuhr. Doch in Wirklichkeit war dem nicht so: In seinem ganzen Leben hatte er niemals versucht, sich durch eigene Arbeit zu erhalten. Stets war er auf die Unterstützung des Vaters angewiesen gewesen und daher scheute er sich jetzt davor, ohne Hilfe an einen fremden Ort zu gehen. Innerlich schämte er sich dieses Gefühls, gestand es sich aber selbst nicht ein. Plötzlich kam es ihm vor, als ob er grundfalsch gehandelt hätte. Seine Verwandten konnten seine Situation nicht begreifen und billigen; das war klar. Dazu kamen auch hier materielle Fragen; denn es schien ihm wenig angenehm, dem Vater noch einige Jahre hindurch auf der Tasche zu liegen. All das mußte von Anfang an bewirken, daß zwischen ihnen keine harmonischen Beziehungen aufkommen konnten. Schließlich würde auch das Leben in dieser kleinen Landstadt, in der er seit zwei Jahren nicht gewesen war, sehr langweilig sein. Alle Einwohner kleiner Landstädte hielt Jurii von vornherein für Spießbürger, vollkommen unfähig, Fragen der Philosophie und Politik, in denen er den einzigen Sinn und Wert des Lebens sah, zu begreifen oder sich auch nur für sie zu interessieren.
Langsam stand er endlich, noch bedrückt von all diesen Gedanken, auf, ging auf das Fenster zu, öffnete es und lehnte sich in das Vorgärtchen hinaus, welches an diese Seite des Hauses stieß. Eigentümlich sahen von oben die auffallend bunten Flecken der vielfarbigen Blumenköpfe aus, die über das ganze Stückchen Erde verstreut, wie in einem Kaleidoskop, durcheinandergeworfen waren. Diesem Vorgärtchen gegenüber lag dunkel ein dichter Garten, der wie alle in diesem kleinen Städtchen zum Flusse hinunterlief. Ganz von weitem sah man den blassen Glanz dieses Flusses durch die Bäume schimmern; zart und fein stiegen Nebelschleier aus ihm empor. Der Abend war still und lag schwer und trächtig in der Luft.
Jurii wurde es traurig zumute. Zu lange hatte er in der großen, steinernen Stadt gelebt, sodaß die Natur für ihn, trotzdem er sie zu lieben glaubte, leer und öde blieb. Sie beruhigte und erfreute ihn nicht, sondern erregte in ihm einen unbegreiflichen Gram und krankhafte Träumereien.
„Aha, Lieber, du bist ja schon aus den Federn gekrochen! Nun gut, es ist auch Zeit,“ rief Ljalja, die mit einem Schwung ins Zimmer kam.
Jurii trat melancholisch vom Fenster zurück. Das schwere Bewußtsein seiner einsamen, abgesonderten Lage und eine stille unbestimmbare Sehnsucht, von dem versterbenden Tag genährt, bewirkten es, daß er sich von der Heiterkeit seiner Schwester verletzt fühlte und es unangenehm fand, plötzlich ihre helle Stimme zu vernehmen.
„Bist du vergnügt?“ Zu seinem eigenen Erstaunen richtete er plötzlich eine Frage an sie.
„Na, mit einem Mal aufgewacht!“ Ljalja riß die Augen auf, lachte aber gleich noch lustiger weiter, als hätte sie die Frage des Bruders an etwas sehr Freudiges und Vergnügliches erinnert.
„Wie kam es dir nur in den Sinn, dich plötzlich nach meiner Stimmung zu erkundigen. Uebrigens ich langweile mich niemals. Hab keine Zeit dazu ...“ Und mit ernstem Gesicht, augenscheinlich stolz auf ihre Worte, fügte sie hinzu: „Es ist jetzt eine interessante Zeit; da wäre es Sünde und Schande, sich zu langweilen. Ich habe auch einige Arbeiterzirkel, mit denen ich mich beschäftige. Und dann nimmt unsre Bibliothek viel Zeit in Anspruch. Wir haben hier auch ohne dich eine Volksbibliothek gegründet; sehr gut geht sie.“