Mit dem Wunsche aufrichtiger Zuneigung drückten sich beide die Hände und dachten auch einen Augenblick daran, sich, wie üblich, zu küssen; sie taten es jedoch nicht, sondern sahen sich nur freundschaftlich und aufmunternd in die Augen.

— — — So also sieht der Bruder aus, dachte verwundert Rjäsanzew, der aus irgendeinem Grunde erwartet hatte, daß die flinke, kleine Ljalja in ihrer blühenden Blondheit durchaus einen ebensolchen Bruder haben müsse. Jurii aber war hochgewachsen, hager, hatte dunkles Haar, wenn es auch in seiner Art ebenso hübsch war, wie das Ljaljas; doch er hatte dieselben feinen, regelmäßigen Gesichtszüge, wodurch er ihr ähnlich wurde.

Jurii, der seinerseits interessiert auf Rjäsanzew blickte, kam in diesem Augenblick nur der eine Gedanke, daß vor ihm der Mann stände, der in diesem kleinen Mädchen, seiner Schwester, das Weib gefunden und liebgewonnen hatte, in diesem zarten, kleinen Mädchen, das so klar und frisch wie ein Frühlingsmorgen war. Natürlich so liebgewonnen, wie auch Jurii Frauen gegenüber empfand; ... dieser Gedanke wurde ihm plötzlich unangenehm. Es war ihm peinlich, beide zu betrachten, als müßten sie sofort seine geheime Ueberlegung erraten.

Jurii wie auch Rjäsanzew fühlten, daß sie viele Fragen aneinander zu richten hätten. Jenen drängte es, sich zu erkundigen: Lieben Sie Ljalja? ... Lieben Sie sie rein, ... ernst? ... Das wäre doch schade, nein, widerwärtig, wenn Sie sie täuschen wollten. Sehen Sie nur, wie rein und unschuldig sie ist.

Und Rjäsanzew hätte ihm geantwortet: Aber ich liebe doch ihre Schwester. Ja, wirklich, ich liebe sie sehr. Und man kann garnicht anders, als sie zu lieben. Sehen Sie, wie keck und frisch und lieb sie ist. Wie entzückend sie sich selbst in ihrer Liebe benimmt. Und wie reizend sich der Ausschnitt am Halse macht.

Doch statt all dieser Gedanken sprach Jurii überhaupt nicht und Rjäsanzew fragte nur höflich:

„Sind Sie für längere Zeit ausgewiesen worden?“

Nikolai Jegorowitsch, der im Zimmer auf und ab ging, hielt bei Rjäsanzews Frage einen Augenblick inne; fuhr aber gleich wieder fort, mit den übertrieben regelmäßigen, abgemessenen Schritten eines alten Soldaten hin und her zu wandern. Er kannte die Einzelheiten der Ausweisung noch nicht und die unerwartete Erinnerung an sie stieg ihm zu Kopf. Weiß es der Teufel, murmelte er vor sich hin, um seiner Empörung einen Ausdruck zu geben.

Ljalja hatte die Bewegung des Vaters sofort verstanden und erschrak; sie fürchtete schon im Voraus allerlei Zank, Streitigkeiten und unangenehme Erörterungen und bemühte sich, das Gespräch abzubrechen. Innerlich machte sie sich Vorwürfe: Wie dumm bin ich doch. Natürlich hätte ich daran denken und Tolja vorher warnen sollen.

Aber da Rjäsanzew garnicht wußte, worum es sich handele, erkundigte er sich, nachdem er Ljaljas Frage, ob er Tee wünsche, bejaht hatte, von neuem: