„Und was beabsichtigen Sie, zunächst hier zu tun?“
Nikolai Jegorowitschs Mienen verdüsterten sich zusehends; sein dumpfes Schweigen kam Jurii mit einem Mal zum Bewußtsein. Ohne einer Ueberlegung Raum zu lassen, kochte in ihm die Erregung und der Trotz auf; absichtlich antwortete er mit dem lässigsten Tone, der ihm möglich war:
„Vorläufig garnichts!“
„Was soll das bedeuten — — garnichts? ...“ fragte stehenbleibend Nikolai Jegorowitsch. Seine Stimme hatte sich nicht verändert, und doch klang aus ihr deutlich der Vorwurf heraus:
— — — „Wie kannst du eine solche Antwort geben? ... Garnichts! Erlaubt dir denn dein Gewissen diese Antwort? ... Habe ich denn die Verpflichtung, dich mein ganzes Leben lang auf meinen Schultern zu tragen? ... Wie kannst du es vergessen, daß dein Vater schon alt ist; es ist längst an der Zeit, daß du selbst für dein Brot sorgen mußt. Ich mache dir ja gar keine Vorschriften ... Gut, lebe! Aber begreifst du denn selbst nicht, wie du zu leben hast? ...“ Alle diese vorwurfsvollen Fragen klangen aus seiner Stimme und trotzdem der Eindruck auf Jurii um so stärker war, als er seinem Vater innerlich vollkommen recht geben mußte, fühlte er sich doch bis in die Tiefen seines Wesens verletzt.
„Gewiß nichts? ... Was soll ich denn tun? ...“ fragte er herausfordernd zurück.
Nikolai Jegorowitsch wollte ihm eine scharfe Antwort geben, schwieg aber und zuckte nur die Achseln. Dann begann er wieder aus einer Ecke in die andere zu gehen, mit schwerfälligen in drei Tempi zerfallenden Schritten. Seine korrekte Erziehung gestattete ihm nicht, die Erregung schon am ersten Tage, an dem sein Sohn wieder ins Haus gekommen war, zu äußern.
Jurii verfolgte ihn mit glänzenden Augen; er konnte sich nicht mehr zurückhalten, gespitzt und wachsam auf den geringsten Anlaß zum Widerspruch zu lauern. Er war sich durchaus klar, daß er den Streit hervorrufen würde, aber es war ihm doch unmöglich, sein Auflehnungsbedürfnis zu bewältigen. Am unglücklichsten fühlte sich Ljalja, die dem Weinen nahe, bald den Vater, bald wieder den Bruder hülflos ansah; sie wagte kein Wort zu sprechen, aus Furcht, dadurch irgendwie den Ausbruch des Sturmes zu beschleunigen. — — — Auch Rjäsanzew, der endlich begriffen hatte, was vorging, suchte ihr zu Hilfe zu kommen; doch die Art und Weise, wie er mühsam das Gespräch in andere Bahnen lenkte und mit aller Gewalt immer neue und allen uninteressante Themen herbeizog, war nicht besonders geschickt und verstärkte nur die gegenseitige Gereiztheit. So ging der Abend langweilig und gleichzeitig gespannt vorüber. Jurii wollte sich nicht als schuldig betrachten, denn Nikolai Jegorowitsch verlangte im Grunde, daß er mit dem politischen Kampf nichts zu tun haben dürfe, und das mochte er unter keiner Bedingung zugestehen. Ihm schien es, daß der Vater nicht fähig sein konnte, die einfachsten Dinge zu begreifen, weil er alt und unintelligent war, und daß er nun ganz unbewußt einen Groll auf ihn als den nächsten Zeugen seines Alters und seiner Unintelligenz habe.
Zum Abendessen kamen Nowikow, Iwanow und Semionow. Letzterer studierte an der Universität und war im höchsten Grade schwindsüchtig; seit einigen Monaten lebte er in der Stadt als Privatlehrer eines Knaben. An ihm fiel jedem sofort seine eckige Häßlichkeit und Schwäche auf; sein vorzeitig gealtertes Gesicht trug den schaudererregenden und doch so unfaßbar zarten Schatten des nahen Todes.
Sein Begleiter Iwanow war ein langhaariger und breitschultriger Volksschullehrer von ungeschliffenem Benehmen. Sie waren beide auf dem Boulevard spazieren gegangen; sobald sie jedoch von Juriis Ankunft hörten, kamen sie, um ihn zu begrüßen. Ihr Erscheinen belebte alles. Witze, Scherze, Lachen erscholl. Beim Abendbrot wurde von allen viel getrunken, doch von Iwanow am meisten. Auch Nowikow war schließlich von der allgemeinen Heiterkeit fortgerissen worden und lachte kräftig mit den andern. Im Laufe der wenigen Tage, die seit seiner Erklärung an Lyda verflossen waren, hatte er sich wieder ein wenig beruhigt. Trotzdem war es ihm beschämend und peinlich, zu Ssanins zu gehen; um Lyda zu sehen, lief er zu gemeinsamen Bekannten oder nur die Straßen entlang, die sie hinunterzukommen pflegte. Trafen sie sich, dann war Lyda zu ihm übertrieben aufmerksam mit einem Anflug von verschämter Zärtlichkeit. Und schon begannen sich in Nowikow neue Hoffnungen zu regen.