VII
Drei Tage darauf kehrte Lyda spät abends heim; sie war wie zerschlagen, müde und unglücklich. In ihren Gliedern lag eine erstarrte Mattigkeit, die sie niederzog; die träge Abspannung in ihrem Denken war so stark, daß es ihr Mühe machte, auch nur einen Gedanken zu formen. Sie verstand sich und begriff doch wieder nichts; in manchen Augenblicken schien sie sich selber fremd zu werden.
Als sie endlich in ihr Zimmer gekommen war, blieb sie jäh stehen, faltete die Hände, und sah, langsam erblassend, zu Boden. Mit einem Mal zerriß etwas in ihrem Hirn und erst jetzt erfaßte sie mit Entsetzen, das sich sofort in physischem Widerwillen auslöste, was eigentlich mit ihr vorgegangen war, als sie sich Sarudin hingab. Seit diesem Augenblick, den nichts mehr gut machen konnte, war ihr in dem dummen, eitlen Offizier, mit dem sie keine geistigen Beziehungen verbanden, eine Macht entstanden, der sie sich auf keine Weise mehr entziehen konnte.
Sie war rechtlos geworden; jetzt durfte er nach Belieben mit ihr schalten. Sie konnte sich nicht mehr weigern, ihn zu besuchen, sobald er es verlangte; nun hatte es aufgehört, daß sie mit ihm nach ihrer Laune spielte, einmal sich seinen Küssen hingab, dann wieder ihn beiseite schob und auslachte. Seinen gröbsten Zärtlichkeiten mußte sie willenlos und demütig wie eine Sklavin gehorchen.
Wie alles abgelaufen war, suchte sie vergebens in der Erinnerung festzuhalten; alles verschwamm in der brennenden Hitze, die sie ergriffen hatte. Wie immer hatten sich ihr seine Zärtlichkeiten zuerst untergeordnet, wie immer waren sie ihr angenehm und doch bange gewesen und nur mit einemmal schien ihr ein blasser Nebel in den Kopf zu steigen, worin jede Klarheit und Ueberlegung versank. Plötzlich befand sich in ihr nur ein glühender Wunsch, der sie in einen Abgrund von Begierden und Erregungen zog. Der Boden schwoll unter ihren Füßen an, ihr Körper wurde kraftlos und unterwürfig, die drängenden, furchtbaren Blicke Sarudins klammerten sich an ihn und dann erzitterten ihre nackten Beine schamlos und qualvoll unter der rohen Berührung zweier grober Hände. Alles in ihr schob sich diesen Händen entgegen; in ihr lebte nur noch der eine Wunsch, — — der Neugierde, dem Schmerze und der Wollust zu folgen.
Lyda erbebte unter der Erinnerung, hob langsam ihre Schultern in die Höhe und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Schwankend ging sie auf das Fenster zu, öffnete es und blickte fast ohne Bewußtsein auf den Mond, der über dem Garten stand.
Die trübe Stimmung drückte sie zu Boden; es war eine sonderbare Mischung von häßlicher Begierde und sehnsüchtigem Stolze, die sie bei dem Gedanken beschlich, daß sie ihr ganzes Leben mit einem Hohlkopf befleckt hatte und daß ihre Erniedrigung nur sinnlos und zufällig gewesen war. Etwas Drohendes erhob sich vor ihr; sie suchte es vergebens durch trotzige Verachtung zu zerstreuen.