— Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den Ohren, vor den Augen und —

— Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte.

— Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem er sinnend stehen geblieben.

Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken

und zu thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben ohne Harm und ohne Falsch.

Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen, Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze?

Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin- und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen der dichten, fast schwarzen Brauen — nirgends ein Fältchen oder Runzelchen oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies. Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter, vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr unmöglich geben.

— Lach’ mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär’s möglich?

— Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt’s keine alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt’s. Ich bin schon drei Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre.

Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.