Was soll denn all’ die Unruhe? Wer schafft denn all’ den Unbestand? Ist’s nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht, und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und eine weiße Hälfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß nicht einmal ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht Maikka’s Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze seelisch-körperliche Art
erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet er’s nicht? Warum formt sich überhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum dieses Gewirr von Linien und Lichtern?
Sind’s die Zuhörer, die ihm all’ die Unruhe und den Unbestand schaffen?
Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und wenn es nicht dieselben sind, so sind es ähnliche. Einfache, schlichte, aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern, geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur die Reihen dichter, und mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen. Das ist’s nicht, was Grege so zerstreut macht.
Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . . Das flüsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über’s Meer, die Gestade abzusuchen? . . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt diesmal Krone und Mantel und gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . .
Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter, leidenschaftlicher.
Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier. Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder, die sie entrollt . . .
Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen.
Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, als einzelne Worte und Sätze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zäumen und zügeln mit festem Willen, er will sich selbst überwinden . . . Wie Alles überwunden werden muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes, damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung die Triebkraft mindere . . . Eine große Aufgabe schafft große Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen, warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fühlt er sich nicht selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst, sich in eigenem Vollbesitz haben könnte?
Der Wind bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord — warum läuft er nicht dem Wind entgegen, hinaus an’s Meer? Warum zögert er hier? Was fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rührt er sich nicht von der Stelle? Schöpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, denen das Gefühl seiner eigenen persönlichen Herabwürdigung folgt wie der Schatten dem Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer hier, in deren Mitte er, seiner selbst nicht mächtig,