den Lauschenden spielt, mit welchen Augen müßten sie ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet er für sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr haben muß, als gastliche Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres Uebergewichtes stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen reißt? Wenn ihn seine Volksgenossen von Teuta jetzt so sähen, würden sie nicht mit Fingern auf ihn zeigen und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink läuft — und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand verpflichtet sein wollte?

Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die Zuhörer rings um ihn in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte, dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhörer waren beigeströmt, und rückwärts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er nicht entweichen.

Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm nur ein Spiel mit geistreichen Worten, ein glänzendes Gewebe von Behauptungen, deren Richtigkeit er nicht zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen elektrisirte, ließ ihn unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an?

Gestern — seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern — gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde ihm eingeräumt, selbst zu arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst hatte ihn danach gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie daheim, aber sie dünkten ihm doch über alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an, sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel für Kranke wären? fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte mit der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, sie wolle sie doch lieber „zum ewigen Andenken“ aufbewahren, als sie von ihrem Magen verarbeiten

lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen seine Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes Schlänglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel süßer und nahrhafter, als alle chemischen Künsteleien — und je mehr man von ihr genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schöner Sättigung wachse immer schönerer Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war, wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur Trunkenheit betäubte und unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als männlichster Mann fühlen, Siegerin blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und ihr Geist frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht müde.

Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die Worte vernahm: „Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige Naturen, schöpferischer Ordnung abhold, all’ ihren Gelüsten ließen sie die Zügel schießen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. So wurde am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trümmern einer dekadenten ideologischen Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt“.

Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen!

Während der Strom der großen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte, gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner Bewunderung des gütigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrüßung die Anrede „Hoheit“ entschlüpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen üblich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen, während sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: „Hoheit! Soll das ein auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht? Keiner betitelt sich, selbstverständlich. Also erspare mir die Scham, Dir für den Titel danken zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den Menschen von Nordika. Uns in’s Auge zu sehen und den Mund aufzuthun, genügt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf’s nicht. Sei gegrüßt, Grege!“

Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit ihrem heißen Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hören mit dem Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem Munde, als hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein ein Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre

mit sich trug, undurchdringlich. Und sie drückten auf ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten ihn in seine Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die Seele erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . .