Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so ernster Sache Heiterkeit entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die verstecktesten Gedanken heraus.

— „Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, daß man sie so wenig zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen Kellerloch. Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den auffälligsten haben wir zwar genug gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Güter, damals werthvoll, den späteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je mehr ein Staat hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er räuberte, desto armseliger wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen neue Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Kräfte aus. Die Magazine starrten von kostbaren Gewändern — und das Volk lief in

Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln — und das Volk verhungerte; die Gewölbe vermochten das Gold nicht zu fassen — und das Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Früchte hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren — und für Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den großartigsten Rechtstiteln. Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Köpfe zerschmeißen mußten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer Militärdiktatur und der anderen führten nicht zum Ziele. Die Menschen waren zu tief herabgekommen, und vom autoritären Staat konnten sie sich nicht trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraßen weiter, denn Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich Niemand über die Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen hatte man eine Heidenangst. Die freien Künstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren verhaßt. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren ließen, das nannte man in der Rechtssprache „Nummero Sicher“. Den Strolchen bekam das gut, den Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten, Maler, Musiker bei der geringsten

Veranlassung wegen „groben Unfugs“ oder „Lästerung“ in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht aß. Aber das Laster des Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgenüsse brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender, gehirntoller, überreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher. Revolution war der Dauerzustand Europa’s geworden, Revolution in der erbärmlichsten, feigsten Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem Amerika Ostasien sich unterworfen, drängte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine überflutheten zunächst das südliche und mittlere Europa und pflanzten einen Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der abendländischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische Katholizismus eine neue Heilsmacht zu begründen, die

sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um die Gelehrten und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem großen Zersetzungsschauspiel des europäischen Geistes, für die kirchliche Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner Unfehlbarkeit alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger in der Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß seines vizegöttlichen Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete er die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten Familien mit dem Purpur, ernannte die Führer der Freigeisterei zu Ehrenkardinälen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und versetzte die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus unter die Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwölf Judenchristenpäpste, die noch folgten, boten ihr übermenschliches Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und ihr einen durchgreifenden Einfluß auf das zerrüttete Europa zu verschaffen. Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewußtlosigkeit. Es gab keinerlei Halt mehr für die europäischen Völker. Der ideologische Verzweiflungstraum des letzten Fürsten des größten europäischen Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, der die neue Weltwende einleitete. Fürst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und erklärte in seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für

abgeschafft und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Völkern, die an den Grenzen wohnten. Ganze Stämme, die das große Verderben witterten, wanderten schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr sehen wird . . . Schließlich waren sämmtliche Völkerschaften Europas in diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten Zerstörungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religiöse Drillung der Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Völker sich unterworfen wähnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollständig wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein großer Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wüthende Thiere, gebändigt und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten Schlachten ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kämpfenden aufgerieben waren und unter den Uebriggebliebenen das große Sterben, die „chinesische Pest“ begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten Kulturstaatengruppe. Während inzwischen Angelland und Amerika in listiger Weise die übrigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen,

verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europäischen Zivilisation hatte mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, war ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen Eingeweiden und verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen Festlande an Kulturvolk noch übrig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den nächsten Jahrhunderten an den Küsten, an den Flußläufen, an den Abhängen der Gebirge und hob sich allmählich wieder unter dem Sammelnamen der Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese im europäischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den Grenzen gegen Süden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .“

Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In Teutaland hatte er die Geschichte anders gehört. Aber diese Darstellung des jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er folgte auch den übrigen Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie eine frische, rothwangige Frau

von niedlicher Gestalt als scharfe Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen Staatenwelt einige Verstöße gegen die „historisch festgelegte Wahrheit“ nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene „schauerliche Jammer-Ecke“ verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem Meere von Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, gleich begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen überlebenden Völker zu zweckmäßiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus, Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn glücklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung war in der großen europäischen Wüste den winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der Kampf um’s Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die kleinen, gesonderten Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört pflegen und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen. Aus der Bedürfnißlosigkeit erwuchs ihnen immer stärker die innere Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, daß die Menschenvernunft keine Sprünge wider die Natur mache. Die Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst die wohlthätigen Regeln finden, unter welchen die Freiheit,

Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen, kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des dritten Jahrtausends nur noch belächelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Fülle seiner Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles Hausglück ist über Europa gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten und kein Volk sich des anderen zu schämen. Man unterhält keinen aufdringlichen, belästigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, wie von allen Seiten gesunde Lüfte hereinwehen und keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt.