nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn ich nicht laut und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. Ja, mein armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht. Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen. Gedrückt kam sie aus alter Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge und in Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also daß sie ihre Flügel zum Schwunge öffnen könnte, rauschend und jauchzend in freier Luft, Sonnenaufgängen und Heldentagen und Heldenglück entgegen. Wer den Himmel offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen kränkenden Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort? Ich weiß, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig, und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, daß wir uns in Teuta bemühen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle aufgeklärteren Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr noch ein Wort? Oder ist’s genug?

— Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm voll, er spreche! tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander.

— Herrliches hab’ ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen Glückes die Fülle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege gelehrt, die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit

Worte gesagt gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit Schönheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als hätten mir die brausenden Winde, die hier über das Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße gehaucht . . . und der Väter Geist . . . ist über mich gekommen . . . Das soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslöschlich wird mein Dank sein und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige Frucht bringt . . .

— Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er ist schön, ein Sänger und Held zugleich! Daß aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen.

— Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern kommt, am wenigsten mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran die verborgenen Kräfte meines Volkes in’s Licht wachsen sollen, damit Eure Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack

verliere, wenn Ihr von Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zügen lebt ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie wunderbar die Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und schaudervollsten Niedergängen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet, die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, ob nicht auch Teutaland seinen Blutsverwandten wieder näherrückt, gereinigt von Irrthümern, gewachsen in seinen Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer an gemeinsam bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist’s als blicktet Ihr in eine große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll erglühenden Seele, wie ein stiller, heißer Purpurglanz über die Finsterniß sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter dem Kusse liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus ihrem Schooße den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, daß nichts uns störe, wenn die brünstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der Wonne des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße mein Teuta unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen hat und meine Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich grüße die herrliche Welt!

So endete Greges Rede, die als düster zürnende

Abwehr begonnen, wie eine Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt, überwältigt vom Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Kuß. In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigniß, das Persönlichkeits-Lustgefühl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und glückeshungrigen Gattung.

Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen, Jungen und Alten, Männern und Weibern.