In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein, denn es könnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen Bergbesteigungen zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, und wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch in sich hinein. Grege wird Augen machen, wenn er
den alten verschlissenen Freund, den sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: „Der Purpur-Staat oder vom neuen Götzen“, ein dünnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine Berghöhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag der Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes Büchlein packte sie dazu, die „Sprüche von Jesus Sirach“, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen Strich umrahmte: „Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!“
Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochräderigen Zweisitz dahin. Maikka sprach zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib von gelber Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene weiße Mähne.
— Vorwärts, Tema, mach’ Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du bist aus edlem Hause.
Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen. Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem Rückkehrsplan nach Teuta
neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in’s Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben. Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten, ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück. Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält’s mit den Alten
und mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt’s den ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen . . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . . Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel, das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . .
— Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema möchte wissen, wie’s bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?
— Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung, Maikka. Ich dachte gerade . . .
— Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten bei Euch die Geschlechtsregister?