— Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr. Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen. Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so setzen sie das
christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an Anderen fort — oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt.
Grege fragte nachdenklich: — Sind das nun geborene Unglückliche oder erst unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden?
Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck, den die christianisirte Gegend auf Grege’s Gemüth machte, und antwortete treuherzig: — Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere Zweck der Menschheit vereitelt?
— Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein unverlöschlicher Himmelsglanz . . .
— Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt’s auf dieser jahrtausendalten christlichen
Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition, selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden, wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie, Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden.
— Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf.
— Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema!
— Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel!