Immer und immer wieder ihn weggehen zu sehen und nicht zu wissen, ob er gesund wiederkommt, ist doch schrecklich.

23. März 1897.

Vorgestern konnte ich nicht mehr schreiben. Sadallaleute waren nach den verschiedenen Mördern ausgeschickt, die ziemlich erfolglos zurückkamen, sie brachten nur die Brüder und Weiber der Schuldigen an. Wir stehen hier wirklich im Kampf ums Dasein.

Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt, sie haben den Kampf abermals durch Mordtaten begonnen. Jetzt heißt es, mit Strenge vorgehen, denn Toms Menschenfreundlichkeit halten sie, an Quawas Grausamkeit gewöhnt, für Schwäche. Die Nächte sind gräßlich. Heute konnte ich überhaupt nicht schlafen, der Anruf der Patrouillen dröhnt laut durch die Nacht und hält mich munter. Übrigens geht es nicht bloß mir so. Auch Winkler und Stierling schlafen schlecht und träumen von Wahehe, Mord und Totschlag, trotz ihrer eisenfesten Nerven.

Gestern habe ich Mgumditemi den ersten Schreibunterricht erteilt, es scheint sie aber so angestrengt zu haben, daß sie heute nicht kommen konnte, weil sie krank sei. Das hat mir nun sehr den Mut zum Weiterlehren genommen.

Beim heutigen Spazierengehen war ganz herrliche Beleuchtung, doch das ewige Revolverschleppen beeinträchtigt den Naturgenuß, und doch bin ich jetzt ziemlich ängstlich, so daß ich stets Sublimat bei mir trage; sollte es, was Gott verhüten möge, zum äußersten kommen und sich das Märchen von meiner Gefangennahme verwirklichen, so wäre mir wenigstens beim schlimmsten ein Ausweg möglich.

Tom mußte ich versprechen, nie ohne Begleitung zu gehen, deshalb nahm ich einen Ombascha mit. Heute habe ich meinen Schmuck und unser Silber aus dem Silberkasten alles in einen Koffer gepackt, um bei Feuer oder einer anderen Gefahr alles Wertvollere rasch bei der Hand zu haben. Dann habe ich Wein abgefüllt.

24. März 1897.

Gestern abend (ich entwickelte gerade Bilder) hatte ich noch die Freude, Tom gesund wieder zu sehen. Es kam mir ganz unerwartet. Tom war riesig vergnügt und erzählte seine Erlebnisse sehr amüsant. Bis 5 Uhr morgens durchmarschiert, im Walde versteckt gelagert, Brot und Wurst gegessen, dann in der nächsten Nacht zu der Höhle und den Temben geschlichen. Dort bis zur Morgendämmerung gelauert. Der Boy hatte vergessen, während der Nacht etwas Tee zu kochen, also wieder nichts Warmes, und dann auf dem Bauch zu den verschiedenen Temben gekrochen. Sie sind so leise herangeschlichen, daß sie die Leute drinnen sprechen hörten; endlich sind alle Temben umstellt, und Tom gibt das Zeichen, daß jeder die Tür seiner Tembe öffnen lassen sollte. Er selbst war bei der Haupttembe, wo sich folgende Szene abgespielt hat. Toms Leute haben an die Türe geklopft und zunächst in der Wahehesprache gefordert, sie möchten die Tür aufmachen, „sie seien Leute von Quawa“ — keine Antwort, darauf auf Kissangu, „sie seien Leute von Merere“, — keine Antwort, nun auf Suaheli, „sie seien Leute von bwana mkubwa“, worauf sofort die Tür aufgemacht wurde. Es waren friedliche Menschen, die uns treu gesinnt sind und Quawa fürchten. Tom ist sich ganz dumm vorgekommen; soviel Anstrengung, um unschuldige Leute aus dem Schlaf zu stören. Wäre Quawa darin gewesen, er hätte nicht entwischen können. Hoffentlich gelingt es mit Quawa ein andermal. Tom ist aber sehr froh, doch dagewesen zu sein, da er jetzt weiß, daß dort sichere Leute sitzen.

25. März 1897.