Gestern abend hätte uns beinahe das Schicksal ereilt. Tom und ich gingen zur Viehtembe, wo von dem jungen Sikki Rinder ausgeteilt wurden, ich wollte nun dieselbe Straße gehen, die Sikki später auch kommen mußte. Tom hielt das für langweilig und schlug einen anderen Weg durchs Dorf vor, und welch ein Glück war es, denn ein paar Minuten später zog Sikki seines Weges, und ein Wahehe schoß auf ihn und ergriff dann schleunigst die Flucht. Wir wären für ihn ein Ziel gewesen, das er vielleicht besser getroffen hätte. Wir hörten den Schuß fallen, glaubten aber, man habe einen Ochsen für die Merereleute geschossen. Hier werden die Ochsen nicht wie zu Hause geschlachtet, sondern erschossen. Wir gingen also ruhig weiter, als wir auf dem Rückwege waren, kam uns ein Mann mit Flinte und Revolver entgegen, es sei Alarm. Tom sagte, daß dies nicht möglich sei, da er wohl schon früher davon benachrichtigt worden wäre. Wir gingen aber doch schneller und hörten schon von weitem lauten Lärm im Dorfe; dort fanden wir alles in großem Aufruhr und mit allem möglichen bewaffnet. Die Ursache war der gefallene Schuß. Tom beruhigte die Bevölkerung, und jeder ging friedlich heim.

Tom erzählte, in Kilossa wäre es so ähnlich gewesen. Die Offiziere hätten im Kasino gesessen und gesehen, wie die Bevölkerung des ganzen Tales plötzlich in hellster Flucht davon gelaufen sei. Die Ursache sei ein halbverhungerter Mhehe gewesen, der krank von dem Kondoaüberfall zurückgeblieben sei und sich im Gras verborgen durch Kräuter usw. ernährt habe.

Des Abends waren wir ganz besonders fröhlich, daß nichts passiert war. Es wurden gleich Nachforschungen angestellt und heute hieß es, Quawa wäre bei Farhenga versteckt, wo noch außerdem ein Msagira mit Anhang gesehen worden sei, auf den Tom auch fahndete. Tom und ich hatten noch nicht gefrühstückt, bei der Nachricht verging uns aber doch der Appetit zum Essen. Also Farhenga auch Verräter? Tom überlegte sich die Sache noch. Da — was sehen unsere Augen — kommt Farhenga an und mit ihm der Msagira mit Brüdern. Nun, freudiger ist er wohl nie von uns begrüßt worden, wir gaben ihm auch gleich eine Flasche Gin, die er mit verständnisvollem Schmunzeln einsteckte. Es stellte sich auch heraus, daß der Mhehe, der geschossen, nie bei ihm gewesen ist. Er brachte gleich die gesuchten Leute mit, die nun an die Kette kamen.

Von Goritz kam Nachricht, daß er 28 Wahehe gefangen, an der Stelle, wo die Postboten überfallen wurden. Winkler marschierte ab, um sie hierher zu bringen. — Die Wahehe werden durch Boten aufgefordert, gegen Quawa mitzuziehen. Auf das Ergebnis, ob sie mitkommen werden, sind wir äußerst gespannt, davon hängt sehr viel ab.

Meine Puten machen mir noch viel Arbeit, da sie krank sind, sich erkältet und Fieber haben, ich behandle sie mit Chinin, Aloepillen usw.

26. März 1897.

Heute kamen die Wahehe an. Wieviel mitziehen werden, ist schwer zu sagen, da Tom noch unterwegs eine ganze Menge antrifft, jedenfalls von hier an 200. Es ist dies für Tom sehr schön. Gott gebe, daß sich kein Schurke darunter befindet, der nur so in Toms Nähe kommen will. Viel Schauri. Des Abends kam noch Dr. Stierling.

27. März 1897.

Noch des Morgens setzte Tom Stationsbefehl auf, gestern hatte er alle Befehle an die Kommandos geschrieben. Tom hat jetzt außerhalb elf Posten mit Europäern, dazu sieben Posten mit schwarzen Chargen besetzt. Die Leute müssen für alle nur denkbaren Eventualitäten mit sorgfältigsten Instruktionen versehen werden. Die Europäer müssen an den Bomen in Zelten schlafen; an jeder Bastion einer, auch Askaris schlafen dort, damit, wenn ein Angriff stattfindet, alles bereit ist; auch am Tage müssen 20 Soldaten immer zugegen sein. — Ehe die ganze Safari versammelt war, wurde es 9 Uhr. Tom nahm noch ein paar nachgekommene Wassangus mit. Wie stechen die kleinen Kerle in Ausdruck und Gestalt von den stattlichen Wahehe ab, ihrer Gesinnung nach sind sie mir aber lieber. Tom hat nur vier Soldaten mit sowie einige Sadalla- und vier Sikkileute. Ein malerischer Anblick, diese phantastisch gekleidete und bewaffnete Kriegerschar, die meisten Wassangus hatten allerdings wenig Stoff an sich. Ich begleitete Tom noch ein Stück Weges den Berg hinunter und bis zum Ruheka. Gegen Mittag kam ich erst nach Hause. Nun bin ich wieder ganz allein. Wie lange ist unbestimmt. Mir wäre lieber, Tom hätte die Wahehe nicht mit.

28. März 1897.