So großartig das Landschaftsbild auch war, es konnte doch die Erinnerung an unsern deutschen Wald nicht verdrängen. Ich habe vor Jahren einmal irgendwo in einer Reiseschilderung einen Vers gelesen: „Das starre Laub am fremden Holz, es ist zum Flüstern viel zu stolz“. In der Tat, das geheimnisvolle Leben und Weben, das Flüstern und Kosen der leicht beweglichen Blätter, das unserem lieben deutschen Laubwald eigen, ist dem Tropenwald fremd. Oberon und Titania mit ihrer luftigen, lustigen Elfenschar kann ich mir nur im Rauschen unserer Eichen und Buchen oder auf dem Moosteppich unserer dunkeln Tannenwälder vorstellen.

Am zweiten Tage unserer Safari fand ich Gelegenheit, in einem prächtig klaren Gebirgsfluß, der ausnahmsweise einmal kein felsiges, sondern sandiges Ufer hatte, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Da mir das Gewässer in Bezug auf Untiefen, Stromschnellen und Wirbel unbekannt war, mußte ich meiner Lust nach einer längeren Schwimmtour Zügel anlegen; daß man hier während des Badens auf das Auftauchen eines „Kiboko“ (Nilpferd) gefaßt sein muß, erhöht den Reiz ganz wesentlich — unsere deutsche Schuljugend plätschert ja bekanntlich auch mit Vorliebe an den Stellen im Fluß herum, die durch eine Tafel: „das Baden ist an dieser Stelle streng verboten“ als besonders geeignete Badeplätze kenntlich gemacht werden, und ob man sich dabei schuldbewußt nach dem Flurschützen und Gendarm oder nach einem Kiboko umschaut, das ist — ohne jede anzügliche Beziehung zwischen heimatlicher Obrigkeit und afrikanischer Zoologie — schließlich doch ganz egal! Selten hat mir im Leben ein Frühstück so gut geschmeckt wie der Spickaal, den ich mir nach diesem Bade spendierte.

An demselben Tage kamen wir auch an Höhlenwohnungen vorüber, wie sie unsere Herren kürzlich aufgestöbert hatten; diesmal ging der Besuch aber friedlich ab. Von der Bergspitze aus bot sich ein prachtvoller Anblick über die im saftigsten Grün und farbigem Blütenschmuck prangenden Wiesenflächen im Tal, durchzogen von silberglänzenden Gebirgsbächen, dazu der frische, erquickende Bergwind, der uns die Lungen weitete und das Blut frischer durch die Adern pulsieren machte. Beim Anblick dieser Landschaft wurde das Geheimnis von Quawas unerschöpflichen Hilfsquellen offenbar: das Land ist so fruchtbar, daß an ein Aushungern nicht zu denken ist. Die Felder und Wiesen sind so reichlich bewässert, daß sie selbst im heißesten Sommer nicht unter der hier sonst gewöhnlichen Dürre zu leiden haben; in jedem der vielen kleinen Seitentäler, die oft nur schluchtenartig vom Gebirgskamm ausgehen, finden sich Bäche, deren Wasserreichtum das ganze Jahr hindurch aushält. Auf dem Rückmarsch konnte ich es mir nicht versagen, in eine jener Höhlen hineinzuklettern, die mir durch die Kämpfe im Juli besonders interessant geworden waren. Wie sah es da aus! Mir krampfte sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß Tom unsere Feinde in solchen unterirdischen Gängen und Höhlen aufgesucht hatte, und ich dankte Gott, daß er ihn in dieser furchtbaren Gefahr beschützt hatte. Tom sprach freundlich zu den Bewohnern dieser Höhlenniederlassung, er hielt ihnen vor, was für ein elendes Dasein sie führten im Vergleich mit ihren Stammesgenossen, die unter dem Schutze der Deutschen wieder ihre Felder bebauen, erzählte ihnen, wie sie von dem gefürchteten Quawa weder etwas zu fürchten noch zu erhoffen hätten, und bewog sie, sich in der Nähe von Prinages Boma wieder anzubauen.

Wir hatten die Karawane vorausgeschickt und fanden unser Zelt beim Eintreffen auf dem Ruheplatz fertig vor. Um für das Lager den nötigen Platz zu gewinnen, hatten die Träger das hohe verdorrte Gras angezündet; so saßen wir denn, angesichts dieses kleinen Steppenbrandes, vergnügt beim Frühstück. Die Sache gefiel mir ungemein, es lag ein gut Teil Romantik in der Szene, so etwas wie „Lederstrumpf“- und „Waldläufer“-Poesie, unsere schwarzen Askaris und Träger an Stelle der Komanchen, Apachen oder Sioux, es gehörte wirklich wenig Phantasie dazu, sich die Lieblingslektüre aus der Jugendzeit hier in die Wirklichkeit zu übertragen. Lange konnten wir uns dem Zauber dieses schönen Bildes nicht hingeben; der Wind hatte sich gedreht, und der beizende, scharfe Rauch trieb uns die Tränen in die Augen. Zugleich nahm der Steppenbrand die Richtung direkt auf unseren Lagerplatz. Schnell ließ Tom sämtliche Askaris und Träger antreten und den Raum zwischen uns und dem Feuer von allem Brennbaren, wie Gras, Buschwerk und ähnlichem säubern. Zuweilen suchte sich eine Flamme aus der lodernden Steppe durch das von unseren Leuten künstlich isolierte Gebiet zu drängen, da hieß es, gut aufpassen und sie noch rechtzeitig ausschlagen, damit sie nicht bis zum Zelt kam. Aufregender wurde die Sache, als plötzlich der Feind uns im Rücken angriff! Rasch wurde auch auf dieser Seite eine neutrale Zone hergestellt, so daß wir endlich richtig zwischen zwei Feuern saßen. Zum Glück war der Wind nicht stark, unser Zelt mit all unseren Vorräten wäre sonst verloren gewesen, so kamen wir mit einigen angesengten Kleidern davon. Mit großem Interesse beobachtete ich das eigentümliche, sozusagen sprungweise Vorgehen des Feuers, das ganz plötzlich, ohne sichtbare Verbindung mit dem Hauptherde, an einzelnen entfernteren Stellen aufflammte, während ich andererseits wieder, nachdem das Feuer niedergebrannt war, mehrfach einzelne lange, trockene Grashalme unversehrt aus der Asche hervorragen sah, an denen Glut und Flamme vorbeigezogen waren. Am anderen Morgen hatten wir anfangs einen bösen Weg durch all die Asche zu machen, bevor wir wieder im grünen „Pori“ unsere Erholungs-Partie fortsetzen konnten.

An diesem letzten Tage unserer Safari (14. August) machten wir noch eine lange „pumsika“, d. h. Ruhepause; wir wollten den Tag noch recht auskosten und erst spät abends nach der Station zurückkehren. So zogen wir denn abends auch nicht auf der Hauptstraße ein, sondern ritten um die Boma herum nach unserem Hause, um den Abend noch für uns allein zu haben. Mit dem Erfolge unserer Safari konnten wir in jeder Beziehung zufrieden sein — politisch, weil es Tom gelungen war, die Leute zu überzeugen, daß sie von Quawa hier in unserer Nähe nichts zu fürchten haben, um wieder viele von den verschüchterten Eingeborenen zur Ansiedelung in der Nähe der Station zu veranlassen, und gesundheitlich, weil diese abwechslungsreichen Tage uns beiden frische Kraft, körperlich wie seelisch, gespendet hatten.

Für Tom, der nur drei Tage auf der Station bleiben konnte, begann nun wieder eine endlose Reihe von Schauris; die Wahehe fingen an, des ewigen Kriegszustandes müde zu werden, und es kostete Tom übermenschliche Geduld, den Jumben immer und immer wieder in eindringlicher Rede klar zu machen, daß der Kampf bis zur Vernichtung fortgesetzt werden müsse, ehe sie auf Ruhe und Frieden rechnen könnten. Das waren sorgenvolle Stunden, als an dem zum Abmarsch bestimmten Tage sich keiner der versprochenen Wahehe sehen ließ! Endlich gegen Abend trafen sie ein, und zwar noch in größerer Zahl, als Tom erwartet hatte. Am anderen Tage brach Tom auf, die 500 Wahehe, zum Teil ganz prächtige Kerle, schlossen sich ihm an. Diesmal nahm er auch unseren Forstmann, Herrn Ockel, mit, der an einer geeigneten Stelle eine Versuchs-Landwirtschaft anlegen soll. Bei diesem Zuge durch unser Gebirgsland hat er die beste Gelegenheit, die Verhältnisse kennen zu lernen. Herrn Dr. Fülleborn gelang es, eine Anzahl recht guter photographischer Aufnahmen von unseren Wahehe zu machen; besser wie die meinigen, denn mein „Momentverschluß“ funktionierte nicht rasch genug. Dr. Fülleborn arbeitet allerdings auch mit einem Apparat, der ihm mit allem Zubehör 2000 Mark gekostet hat. Die Gelegenheit zu anthropologischen Studien und Schädelmessungen hat er hier mit fabelhaftem Fleiße und bestem Erfolge ausgenutzt. Am 26. August marschierte Dr. Fülleborn hier ab, um sich der Expedition anzuschließen. Wie gern hätte ich ihn begleitet, um wieder in Toms Nähe zu sein. Auch Herr v. Kleist, der mir nach Toms Abmarsch stets treulich Gesellschaft geleistet, hätte den Zug gern mitgemacht, aber am 28. Oktober traf mittags 1 Uhr die Post ein, die ihm den Befehl brachte, an Leutnant Engelhardts Stelle nach Songea abzugehen — zwei Stunden später war er schon unterwegs. Ein interessantes Jagdabenteuer des Leutnants Braun erfuhr ich von Dr. Stierling, der jetzt von Idunda zurück ist. Auf einem Jagdausflug sah Leutnant Braun sich plötzlich einem Trupp von fünf Löwen gegenüber. Zwei davon brachte er zur Strecke, zwei andere entkamen, nur eine alte Löwin stürzte sich auf ihn und schlug ihr Gebiß in seine linke Seite — ein Wunder, daß sie nicht ein paar Rippen zermalmt hatte. Leutnant Braun verlor aber in dieser gefährlichen Lage nicht die Besonnenheit: er schob die Mündung der Büchse mit der Rechten unter dem linken Arm durch und drückte ab, zum Glück traf die Kugel so sicher, daß die Löwin tot zusammenbrach. Als alles vorbei, erschienen auch die Askaris und Träger, die gleich beim ersten Auftauchen der Löwen sich im Pori verkrochen hatten, und trugen den schwerverwundeten Jäger nach der Station. Jetzt, nachdem die Bißwunden gut geheilt, freut Leutnant Braun sich seines afrikanischen Abenteuers.

Tom schreibt recht zufrieden über den Verlauf seiner Expedition. Zunächst ist Quawas wichtigster Msagira und Ratgeber, Mkakao, gefallen, und vier Weiber von Mpangire nebst dessen fünf Kindern sind gefangen. Bis jetzt hat Tom schon 400 Gefangene; das sind Verluste für Quawa, die er nicht mehr wieder gutmachen kann.

Lagerleben: Wasserträger.
(Zu [S. 131].)