Lagerleben im Urwald: Ruhepause.
(Zu [S. 141].)
Um die Einsamkeit weniger fühlbar zu machen, suche ich täglich an Arbeit zusammen, was irgend geht. Große Kleiderrevision mit Nähen und Flicken, Küche und Speisekammer werden gründlich kontrolliert und eine allgemeine Inventur gemacht, — letztere schien mir besonders nötig, denn es war mir bezüglich der Ehrlichkeit meiner schwarzen Hausbediensteten manches verdächtig vorgekommen. Richtig erwischte ich auch einen der Boys, wie er eine ihm vom Koch zugesteckte Flasche Wein in Sicherheit bringen wollte. Eine Revision unseres Weinvorrates hatte natürlich ein sehr betrübendes Ergebnis: die Kerle hatten gestohlen wie die Raben. Natürlich ließ ich sie, obschon es bereits 9 Uhr abends war, sofort zur Wache bringen. Den Koch freilich muß ich mir bei Toms Rückkehr wiederholen, denn dann ist er mir unentbehrlich — und das Schlimmste bei der Sache ist, daß die schwarzen Schlingel das selbst ganz genau wissen.
Auch das Photographieren betreibe ich eifrig, es gelingt mir aber nicht, auch nur halbwegs so gute Bilder zu erzielen wie Dr. Fülleborn. Am besten geriet noch eine Aufnahme, die ich von einer „mpepo“ machen konnte, der ich in der Hauptstraße begegnete. Mit grellbunten Tüchern, Perlenschnüren und Fellen behangen, das Gesicht rot und weiß bemalt und gepudert, durchzieht diese „Besessene“ (mpepo bedeutet eigentlich „Geist“, „Wind“, „Sturm“, dann in weiterem Sinne eine von einem Geist Besessene, Hexe, Zauberin) die Straßen, begleitet von einer ihr ergebenen Frau, die ihre Verzückungen und wirren Reden dem staunenden Volke ausdeutet. In diesem oft wochenlang anhaltenden Zustand darf der „mpepo“ kein Mann zu nahe kommen — im gewöhnlichen „nicht besessenen“ Zustande dagegen ist sie nichts weniger als Männerfeindin — an die von ihr gebrauten Liebestränke und andere „Dawa“ glauben die Schwarzen natürlich unerschütterlich fest. Leider konnte ich diese schwarze Miß Mabel Vaughan nicht während eines ihrer wilden Tänze photographieren, da der Momentverschluß meines Amerikaners wieder nicht klappte. Die Spekulation auf die Dummheit der lieben Mitmenschen macht sich übrigens auch hier bezahlt — diese „mpepo“ hat sich ein ganz ansehnliches Vermögen zusammengezaubert.
14. November 1897.
Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begegneten, erzählten, Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut munter vorwärts — da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns: also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern begrüßt wurde.
Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen. Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga, die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen Tränen standen ihr in den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte Tücher hat sie seit seinem Tode getragen.
Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen Innern Ostafrikas.
Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans; diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur, die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft — zu meinem Bedauern; es sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu, wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu[7] auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel zu kommen.
Auf dem Marsche nach Likininda.