Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten, daß sie einige Zeit hindurch dem sehr tüchtigen Betschausch überlassen werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen.
Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu — stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage. Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher kannten.
Dabagga, 21. November 1897.
Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben.
Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die Tiere selbst zu stoßen — zu meinem Bedauern — ich hätte diese Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet. Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können; ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die Baumriesen zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns die Erklärung, dies sei das Tal des Muúngu (Gott), welches die Menschen nur schweigend betreten dürften, — wer dies Gebot übertrete, über den habe der Sheitani (Teufel) Macht und werde ihm auf dem weiteren Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte zu reinigen, daß wir nunmehr dem Sheitani verfallen, ließ Tom zum Entsetzen der Karawane Signale blasen, die das Echo der Berge weckten; als da kein Sheitani erschien, beruhigten sich die abergläubischen Schwarzen sichtlich — der schwarze Teufel hat also augenscheinlich keine Gewalt über Europäer. — Wir fanden dieses ganze Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser gab’s überreichlich, Bergbäche mit kristallklarem Wasser durchziehen die Täler, üppiger Farnwuchs deutet auf guten Boden. Zum Plantagenbau ist die Gegend sicher besonders geeignet, ob für den Pflug, scheint mir fraglich; die Hänge sind sehr steil.
Kuifuiri, 23. November 1897.
Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen; zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden, aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden. Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch (von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt abgebrochen, während des Frühstücks auch das Wohnzelt; dann ertönt Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten, Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles.
Uquega-Likininda, 2. Dezember 1897.
Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis 4 Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich: der Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß, den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein.
Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil, als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der Nähe kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht. Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt. Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle Feldarbeit obliegt.