Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat, wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber, wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’ und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere Quawa-Krieger waren gefallen.
Lukossi, 3. Dezember 1897.
Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe, zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Ausgabe von Chakula an Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer wegen. Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste; er hat sicher früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den Dampferpassagieren ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen produzieren, indem sie nach kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen von Bord aus zugeworfen werden. Es wurde unerträglich heiß: nirgends ein Baum oder Strauch, nur der heiße ausgedörrte Boden, dazu kein Lufthauch — der Marsch über die steilen kahlen Berge in der glühenden Sonnenhitze ließ mich die Leiden einer Safari gleich en gros empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden weit. Auch das Lager mußten wir an einem gänzlich schattenlosen Bergabhang aufschlagen und den Tag über im Zelt bleiben. Das einzig Angenehme dieses Marschtages war ein hübscher Blick nach einem Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze Anzahl bildet.
Manasanga, 4. Dezember 1897.
Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. — Das Gelände scheint günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden.
Landschaft Quihangana Mwakikongo, 8. Dezember 1897.
Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir die Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last (es war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät). In 5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet; hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht, die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von Feldblumen — mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier: sie dufteten lieblich.
Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo. Die Gegend scheint ihres Grasreichtums am meisten zur Viehzucht geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt, auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern, während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen, Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee, Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel, der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten. Dem Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt, befindet sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den „le plus haut-gôut“ nur eine schwache Andeutung ist.
Station Iringa, 11. Dezember 1897.
Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. — Kurz vor Himbu erreichten uns Boten von der Station mit Briefen: auf der Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa. In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge: jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und zutraulich — noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren, konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben Verbandmittel für ihre Leute verteilen.