Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein: Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann — davon die Hälfte mit Hinterladern bewaffnet — gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab. Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der Ombascha zur Station weiter eilte. Dr. Stierling ist gleich mit Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit ohne ärztliche Hilfe — trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden Wegs abseits unserer letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger nennen Tom den „Kapirimbu“, d. h. „der alle Kraft an sich zieht“. Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen Sultans groß: unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen und Schutz vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht, und gerade jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält. An Stelle des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn aufsuchen und seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr nach der Station Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer großen Überraschung auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann v. Prittwitz’ Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant Kuhlmann ließ es sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt zu feiern. Mit dem Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze Genugtuung, selbst beobachten zu können, wie meines Gatten kluges Verhalten den Wahehe gegenüber sich bewährt hat — möchte doch endlich auch der letzte Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen die deutsche Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die Safari uns gut bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine Hände haben die Farbe reifer Kastanien.

Sonntag, den 12. Dezember 1897.

Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung, Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der Hausfrau“ herstellte.

15. Dezember 1897.

Am 13. rückte Leutnant Kuhlmann ab. Ich beschäftigte mich viel mit Mpangires Kindern, sie tun mir sehr leid. Es macht mir viel Spaß, unsere Sudanesenweiber zu beobachten, mit welcher Energie trotz ihrer Häßlichkeit sie die Männer unterm Pantoffel haben. Auch der Juma kauft sich beim Griechen, dem „Rudolph Hertzog“ im Lande Uhehe, stets die teuersten Hemden von leichtem Mullstoff, die natürlich schnell zerreißen; auf meine Frage sagte er: „Ja, sonst hat mich meine Frau nicht lieb.“

Mit den Händlern habe ich viel Ärger. Dieser Tage boten sie mir meine eigenen beiden Strauße, die mir abhanden gekommen waren, zum Kauf an, das Stück zu 12 Rupien! Obwohl es weit und breit in der Gegend nur mein Straußenpaar gibt, behaupteten sie ganz frech, sie seien ihr Eigentum.

Am 14. Post aus Europa mit Geburtstagsbriefen, Büchern und Wein! Ich lege alles beiseite, um Tom am Weihnachtsabend zu überraschen. Meine Küche ist nun auch fertig. Der Gouverneur hat mir eine eiserne Herdplatte geschickt, nun hat die Negerwirtschaft mit den Steinen ein Ende. Eine Küche mit eiserner Herdplatte und einem wirklichen, echten Rauchfang — so etwas hat die afrikanische Sonne in diesen Breiten sicher noch nicht beschienen. Nun macht das Kochen noch einmal so viel Freude.

Heute stellte sich ein angesehener Häuptling mit 30 Kriegern; einige davon waren aus Quawas Lager. Dieser habe, wie sie berichten, einen Aufruf an alle Wahehe erlassen, „Wer ihn liebe, solle sich ihm anschließen,“ jetzt sei er mit seinem Anhange in Viransi. Auf dem Marsche dahin ist der Zusammenstoß mit unserem Sergeanten Richter erfolgt. Die Vernehmung der neu angekommenen Quawaleute hatte ein interessantes Ergebnis: Der Sultan hat seine Leute ganz militärisch organisiert, in Kompagnien mit eigenen Hauptleuten und Unterführern, sein Nachrichtenwesen ist sehr gut eingerichtet; es stellt sich immer mehr heraus, was für ein gefährlicher Gegner er ist.

23. Dezember 1897.

Gott sei Dank, Tom kann den geplanten Zug noch nicht unternehmen: Dr. Stierling schreibt, vor dem 1. Januar sei Sergeant Richter nicht transportfähig. So verleben wir doch den heiligen Abend zusammen. Ich konnte und wollte Tom das Herz nicht schwer machen mit Klagen, wenn ihn die Pflicht abrief; aber jetzt bin ich froh, daß er nun doch Weihnachten noch bei mir ist.