30. Januar 1898.
Aufregende Tage; Patrouillen und Meldungen, aber niemals eine sichere Nachricht. In Rungembe, welches als Sammelpunkt für die Expedition bestimmt war, ist Leutnant Engelhardt mit fast 2000 Kriegern des Merere und der anderen befreundeten Häuptlinge angekommen.
Über den Tod des unglücklichen Unteroffiziers Karsjens berichtet ein Mann unseres Freundes Farhenga näheres: er hatte den Unteroffizier gewarnt, Quawa sei ganz dicht in der Nähe, er solle die Leute, die zu seinem Trupp gestoßen, als Spione festhalten — das ist aber nicht geschehen! Andern morgens wurde plötzlich der Posten vor dem Zelte niedergeschossen, von den sich um das Zelt sammelnden Askaris fielen unter dem mörderischen Mauser-Gewehrfeuer aus dem Dickicht sofort drei Mann, ein Vierter etwas später. Unteroffizier Karsjens erhielt beim Heraustreten aus dem Zelte die tödliche Kugel. Sein Boy trug ihn nach dem Feldbett, wo er binnen wenigen Minuten verstarb.
Die Askaris hatten sich bei dem Überfall sehr schneidig gezeigt; nachdem sie die eigene Munition verschossen, leerten sie die Patrontaschen der gefallenen Kameraden, ehe sie sich ins Pori zurückzogen; Karsjens Boy nahm das Gewehr und die Munition seines Herrn nach dessen Tod an sich und versteckte beides im Gebüsch, wo sie Unteroffizier Schubert, der zur Beerdigung der Leichen an den Unglücksplatz ging, fand. Jeder der Gefallenen hatte zwei Speerstiche in der Brust.
Tom hat in diesen Tagen mit der Verteilung von Saatkorn begonnen. Die Lebensmittel fangen an, knapp zu werden, deshalb hat Tom so viel Korn wie möglich aufgekauft, damit fürs nächste Jahr genügend ausgesät wird. Für jeden Sack Saatkorn, den die Leute erhalten, müssen sie nach der Ernte zwei Säcke zurückgeben. Ich habe vor ungefähr 14 Tagen den ersten frischen Mais geerntet.
Heute meldete ein Mhehe, sein Sohn Magunda, welcher zu Quawas Gefolge gehörte, sei von diesem bei dem Lukanda-Überfall gefangen und getötet worden, weil er sich auf der Station stellen wollte.
7. Februar 1898.
Auf der Station reges militärisches Leben, Patrouillen und Boten kommen und gehen, und die Schauris nehmen kein Ende. Quawas Beweglichkeit erfordert immer neue Maßnahmen. Leutnant Kuhlmann, Feldwebel Merkl und die Unteroffiziere auf den einzelnen Posten, jeder muß von den bei uns „im Hauptquartier“ eingegangenen Meldungen in Kenntnis gesetzt werden und entsprechende neue Instruktion empfangen. In all dem sorgenvollen Trubel nur einmal ein Lichtblick: Msatima kommt, mir seine Aufwartung zu machen, und zwar angetan mit einer roten Bluse, die ich seiner Frau geschenkt hatte. — Leutnant Kuhlmann meldet, daß Quawa weiter westlich zu suchen sei — also wieder neue Dispositionen an die Einzelposten! Herr v. Prittwitz kommt an. Es wird großes Schauri mit sämtlichen Jumben gehalten; als dessen Ergebnis erfolgt die Festnahme des Jumben Makirendi; er wird an die Kette gelegt und ihm Todesstrafe angedroht, wenn seine Leute sich als Verräter zeigen sollten. Das ist eine Gewaltmaßregel, zu der Tom durch die gefahrdrohenden Umstände gezwungen ist, obwohl er ganz genau weiß, wie leicht die Festnahme eines angesehenen Häuptlings schlimme Folgen haben kann. Es bleibt kein anderes Mittel, als den Wahehe zu zeigen, daß sie kein doppeltes Spiel wagen dürfen; viele von ihnen wollen erst abwarten, ob Quawa nicht doch wieder hochkommt, wie damals 1894, wo er bei dem Scheleschen Zuge nach Ubena, und früher, gelegentlich der Zulu-Invasion, nach Ugogo geflüchtet war und nach dem Abzug der Europäer aus seinem Lande triumphierend wieder einzog.
8. Februar 1898.
Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich in unserem weltfernen Winkel hier abspielt: der Kampf um die Heimat, und die Treue, mit der dem vertriebenen Herrscher seine Krieger Gefolgschaft leisten, versöhnt auch uns, seine Feinde, mit diesen schwarzen Söhnen der Berge. 1½ Jahr dauert nun schon dieser Vernichtungskampf, Hunderte von Kriegern sterben als Märtyrer ihrer Vasallentreue für einen Herrscher, der ihnen weder Nahrung noch Kleidung mehr gewähren kann, während sie täglich erfahren, daß ihre auf und bei den deutschen Stationen angesiedelten Stammesgenossen ein sorgenfreies Dasein genießen. Die Tragik dieses Kampfes, in welchem ein Volk für das Leben seines Sultans verblutet, trat mir gestern recht ergreifend vor Augen: die Gefangenen sollten über den Aufenthalt ihres Herrn aussagen. Man sah ihre innere Aufregung, die Angst, als Aufrührer zum Tode verurteilt zu werden — aber Quawas Name kam nicht über ihre Lippen. Das sind Feinde, denen man die Achtung nicht versagen kann.