Gestern vergnügtes Picknick bei Farhenga in der Nähe des Aussichtspunktes; abends gegen 9 Uhr kamen wir bei Laternenschein nach Hause. Heute mittag kam Leutnant v. d. Marwitz an; ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt, ein breitschulteriger brünetter Hüne. Herr v. der Marwitz ist seit vier Jahren in Afrika, er war längere Zeit im Kilimandscharo-Gebiete.
16. März 1898.
Leutnant Engelhardt verabschiedete sich heute, er brachte mir noch hübsche Blumen. Zum Kaffee war Herr v. der Marwitz bei uns. Seit langer Zeit wieder große Freude: gute Nachricht von zu Hause!
20. März 1898.
Am 17. war Tom mit Leutnant Kuhlmann nach Dabagga marschiert, um dort nach dem Rechten zu sehen — heute kamen sie schon zurück, also viel früher, als ich erwartete. Solche friedlichen Expeditionen lasse ich mir gefallen, die Zeit vergeht viel schneller, wenn mich die Angst um meinen Mann nicht aufreibt. Morgens besorge ich die Hausarbeit, während der tollsten Mittagshitze ruhe ich oder lese, dann holen mich die Herren ab zum Krocket oder Spaziergang, wir besuchen unseren kranken Leutnant Orthmann und machen Einkäufe bei unserem „Hoflieferant Borchardt“, dem Griechen. So vergehen mir die Tage, die Tom abwesend ist, im Fluge. — Mit meiner Hühnerzucht habe ich viel Verdruß: die eben ausgekrochenen jungen Perlhühner sind nach wenigen Tagen eingegangen. Gestern abend in der blumengeschmückten Messe großes Festmahl, gegeben von Dr. Drewes und Bauleiter Hentrich; die Sache verlief sehr hübsch. Wir waren alle sehr vergnügt und kehrten erst gegen Mitternacht zu den häuslichen Penaten zurück.
Schnapsels Nachkommenschaft ist erloschen, er überlebt sein Geschlecht. Seinen Sohn und präsumtiven Nachfolger hat ein Leopard direkt von unserm Hofe weggeholt; der Posten schoß auf den frechen Räuber, so daß er seine Beute fallen ließ; so konnten wir den treuen Wächter des Hauses andern Tags im Garten begraben. Schnapsel trug bei der Bestattung eine dem tragischen Ende seines Sprößlings angemessene Trauer zur Schau; er scheint ihn noch lange vermißt zu haben. Einige Abende darauf holte der Leopard sich auch noch den andern Hund, und zwar diesmal von der Veranda!
Unter unserem Dach hat sich ein Bienenschwarm eingenistet, alles Ausräuchern ist vergeblich, wir müssen uns die Mitbewohner also gefallen lassen.
30. März 1898.
Tom ist wieder hinter Quawa her! Heute brachten unsere Wahehe einen Trupp Gefangener ein; zu unserer freudigen Überraschung waren darunter Quawas wichtigste Frauen und seine Schwester. Diese wollte Tom an Quawa zurückschicken mit der Botschaft an ihren Bruder, er solle sich mit seinem ganzen Anhange stellen, als Strafe würde er nur des Landes verwiesen werden, sein Leben sei bei gutwilliger Unterwerfung nicht bedroht. Allein die Schwester weigerte sich, diese Botschaft zu überbringen, weil Quawa sie ohne weiteres dafür töten würde. Es befanden sich weiter unter den Gefangenen fünf Sultanstöchter, Schwestern des jetzigen Sultans Merere, der sie nach Ubena abholte, ferner Tochter und Nichte des Sultans von Sikki, erstere eine interessante Erscheinung, von präraffaelisch schlankem Wuchs mit feinen Zügen und großen, traurig blickenden Augen — ich mußte an die zarten und doch so vornehmen Frauenbilder von Alessandro Botticelli denken. Für Tom war diese Begegnung mit der Tochter des Sikkisultans von besonderem Interesse: als er 1893 dessen Boma stürmte, waren gerade Quawas Abgesandte dort, um diese Tochter für ihren Herrn als Frau zu holen; sie entging damals nur knapp der Gefangenschaft — heute hat sie das Geschick doch ereilt. Sie berichtete uns, Quawa habe geäußert, wenn er gewußt hätte, daß wir uns so lange in Uhehe halten würden, hätte er sich gestellt; er habe angenommen, daß wir auch diesesmal, wie 1894, bald wieder abziehen müßten.
Während ich beim Entwickeln photographischer Platten bin, höre ich großes Geschrei — eine gute Nachricht ist von der Expedition eingetroffen: am 26. hat Tom das Lager Quawas aufgestöbert und zersprengt: diesmal bestand es nur aus einzelnen, im Gebüsch verstreuten Feuerstellen; der Sultan selbst entkam ins Pori, sein Schwager fiel, einer seiner Schwiegersöhne und mehrere Weiber und Kinder wurden gefangen, darunter ein sechzehnjähriger Sohn, alle bis zum Skelett abgemagert. Tom schickte den ganzen Troß mit den Wahehe zurück, um den Schein zu erwecken, die Expedition sei nach der Station zurückgekehrt, er selbst blieb mit Leutnant v. der Marwitz und den Unteroffizieren Schubert und Hammermeister im Versteck, um die Versprengten noch einmal zu überraschen, die sich wahrscheinlich an dieser Stelle wieder zusammenfinden würden. Eine der gefangenen Quawafrauen hatte kurz vorher einen Knaben geboren; beide befinden sich nach den Anstrengungen des Marsches wohl. Auch bei unserem Effendi ist der Storch eingekehrt — übrigens, um auch diese naturwissenschaftliche Tatsache festzustellen: die jungen Erdenbürger kommen mit weißer Haut zur Welt und bilden einen eigenartigen Farbenkontrast zu ihren schwarzen Müttern; von der zweiten Woche an beginnen sie nachzudunkeln.