Gestern brachte Pater Ambrosius den am Fieber erkrankten Herrn v. der Marwitz nach der Station und ging mit dessen Stellvertreter, dem Unteroffizier Künster, wieder auf seinen Posten zurück.
Ich war in großer Unruhe! Herrn v. der Marwitz’ Fieberanfall hatte noch in der letzten Woche unseren Arzt sechs Tage lang von der Station ferngehalten, jetzt gerade, wo ich ärztlicher Hilfe voraussichtlich bald dringend bedarf! Gott sei Dank, diese Sorge bin ich los, nun geht das „große Reinemachen“ noch einmal so flott. Es soll wenigstens alles in Haus und Hof imstande sein, wenn ich nicht jeden Tag selbst mehr nach dem Rechten sehen kann.
Utengule, 28. Mai 1899.
Schwere Zeiten liegen hinter mir, Wochen und Monate so banger, verzehrender Sorge, wie sie nur einer Mutter beschieden sein können..... Wir befinden uns auf Safari. Tom hatte schon früher den Wunsch geäußert, sich die Gegend hier genauer anzusehen, nun sind wir seit dem 27. April unterwegs.
Die Landschaft Irole übertrifft an Fruchtbarkeit alle unsere Erwartungen, sie liegt 1400 Meter hoch und zeichnet sich durch gesundes Klima und für uns Europäer angenehme Temperatur aus. Am 30. April besuchten wir das auf einer Anhöhe bei der Residenz des Jumben Kawenda von Irole gelegene Zelewski-Denkmal: eine 8 Meter hohe Steinpyramide auf einem 7 Meter hohen Sockel, in welchen eine Kupferplatte mit den Namen der zehn Gefallenen der unglücklichen Zelewski-Expedition von 1891 eingefügt ist. Mit tiefer Rührung las ich die Namen: vor acht Jahren fielen zehn deutsche Männer an dieser Stelle im blutigen Kampfe gegen die Wahehe — und heute stehen wir hier als die Herren des Landes, und die Wahehe sind unsere tapfersten Kampfgenossen. Das teure Blut unserer tapferen Landsleute ist nicht fruchtlos geflossen.
Wir schmückten das Denkmal mit Blumen und Laubgewinden und zogen weiter in die steilen Utshungwe-Berge. Anhaltendes Regenwetter vereitelte aber Toms Arbeiten, Wegaufnahmen und Kartieren; auch ich hatte natürlich keine Freude an dieser „Wasserpartie“. Kurze Sonnenblicke, die zuweilen die Nebelwand zerrissen, ließen erkennen, daß wir uns in fruchtbarem und eigenartig schönem Berggebiete befanden.
Sehr überrascht waren wir eines Morgens, als wir aus unserem Zelt anscheinend in eine Schneelandschaft traten; es war jedoch nur der frische Morgentau, der auf den dicht behaarten Halmen einer weißlich schimmernden Grasart glänzte. Die Täuschung war wirklich überraschend. Auf dem Rückzug aus den Bergen mit vielen Flußübergängen ist mir besonders eine prächtige Schirmakazie aufgefallen, die ihr flaches Dach gegen 7 Meter weit nach allen Richtungen hin ausbreitete; leider konnte ich den stattlichen Baum nicht photographieren, Nebel und Regen folgten uns auf dem ganzen Marsch bis Malangali.
Von besonderem Interesse war mir auf dieser Safari, daß wir am 5. Mai an einem Platze Halt machten, in dessen Nähe ich vor 2½ Jahren mit Tom nach monatelanger, in dem Fieberneste Perondo unter Angst und Sorge um sein Leben zugebrachter Einsamkeit wieder zusammenkam. Das Wiedersehen wog all die sorgenvollen Wochen auf! Noch eine andere Erinnerung knüpft sich an diesen Platz: hier wurde damals der Askari meuchlerisch ermordet, das erste Zeichen des beginnenden Aufstandes.