Zu unserer Begrüßung kam der Jumbe Lupambile aus Mugama, ein Verwandter des Sultans Kiwanga, ins Lager. Er brachte mir die Hühner und andere Lebensmittel, die ich vorausgesandt hatte. Ihm vertraute ich meine beiden jüngsten Pflegekinder an: Mumiri und Mpanga. Wider Erwarten zeigten sich die beiden Kleinen den Anstrengungen der Safari nicht gewachsen, die ersten paar Tage hielten sie auf ihren Eseln, die ich besonders für sie angeschafft hatte, ganz tapfer aus, besonders Mumiri; das kleine frische Kerlchen klammerte sich mit den Armen um den Hals seines Grautieres, auf die Dauer freilich wurde ihm diese Stellung doch zu unbequem; sobald er sich aufrecht setzte, fiel er herunter, auch wurde er oft von den Bäumen aus dem Sattel gestreift. So war es denn besser, die Kinder hier zu lassen, umsomehr, als sie bei Lupambile in bester Hand sind.
Am 6. Mai rasteten wir am Iragolabach; von der Fülle der herrlichsten Blumen, Lilien und Orchideen, nahmen wir eine Menge Knollen zum Einpflanzen mit. Der Zug durch die Landschaft Fuagi war besonders für unsere Schwarzen beschwerlich, es fehlte an Holz zum Lagerfeuer; die armen Kerle froren Tag und Nacht. Auch der Übergang über den Uuhai (Nebenfluß des Ruaha) bot, der steilen Ufer und des weichen Moorbodens auf unserer Seite wegen, große Schwierigkeiten; die Karawane brauchte länger als eine Stunde zum Durchwaten, ich „schwebte“ wieder auf den Köpfen von zwei Askaris über die Flut hinweg; ein besonders langer Mhehe stapfte hinterher, um die teure Last vor unfreiwilligem Bade zu bewahren, falls einer meiner beiden Träger im Wasser stolpern oder fallen sollte. Es ging aber gut ab. Von Wild sahen wir nur ein Wildschwein und eine Antilope auf einem Felsblock, deren Silhouette sich scharf gegen den rotglühenden Morgenhimmel abhob — ein prächtiges Bild. Am Kufaribache (8. Mai) fand sich viel Brennholz; trotz der milden Sommernacht schichteten die Träger wahre Scheiterhaufen zusammen, als wollten sie sich nun bei dem reichlichen Holzvorrat nachträglich noch an Hitze ersetzen, was sie in den holzarmen Strecken entbehren mußten.
Am 9. Mai stellten wir die Quelle des Ruaha fest. Wir hielten da einen Ruhetag, weil Tom Berichte schreiben und seine Beobachtungen und Aufnahmen in Ordnung bringen wollte. Unser Herbarium erhielt auch hier reichen Zuwachs; in dem die Ruahaquelle umgebenden Sumpfe wuchsen wunderschöne Blumen, von denen wir uns einen Vorrat preßten; freilich mußten wir in dem Sumpf und dem Bache herumwaten. Das ganze Land ist sehr wasserreich: binnen sechs Tagen mußten wir mehr als 250 Wasserläufe passieren, zum Teil von ansehnlicher Tiefe. Am 12. lagerten wir am Malangali-Ruaha, den wir zum Unterschied von unserem großen Flusse den Ruahabach nannten. Bemerkenswert waren die in der Nähe befindlichen charakteristischen Erderosionen, wie man sie selten von solcher eigenartigen Schönheit antrifft.
Am 14. Mai trafen wir auf Station Malangali ein, wo Herr v. der Marwitz ein wunderhübsches Offiziershaus mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und Baderaum gebaut hatte. Hier war soeben der arme Geograph Schmidt am Fieber gestorben. Auch Idunda passierten wir, die Station, welche Tom seinerzeit eingehen lassen mußte, weil der Platz von Dysenterie so verseucht war, daß man der Krankheit nicht Herr werden konnte. Am Sanibach kamen wir in das Gebiet Mereres, nach Ubena. Der Charakter dieser Landschaft ist ganz verschieden von dem Uhehes, lang ausgedehnter welliger Steppenhügel mit wenig Wasser, doch fehlt es nicht an fruchtbaren Stellen. Am meisten fällt der gänzliche Mangel an Baumwuchs auf, es gibt hier meilenweit weder Baum noch Strauch. Als Brennmaterial dient der Dünger der Rinderherden, der hier von den Schwarzen überall gesammelt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet wird. Die Temben sind meist aus Schilf, selten ist einmal ein Holzstab durchgezogen, den sie sich von weit her holen müssen.
In Gawiro kam uns Merere entgegen, an der Spitze seines Hofstaates. Er ist jetzt ganz „Europäer“ geworden, selbst den Gebrauch des Taschentuches hat er sich angewöhnt. Übrigens spielt er in seinem, gegen manchen seiner Stammes- und Standesgenossen stark kontrastierenden Selbstbewußtsein als Sultan eine gute Figur. Mich behandelte er mit ausgesuchter Höflichkeit; es imponierte ihm, daß ich lesen und schreiben kann. Als Tom in Ruipa neulich Volkszählung hielt, sagte Merere: „Wir zählen nicht einmal unsere Rinder, wie sollen wir unsere Frauen zählen?“ Daß Tom gefragt wird, wieviel Rinder er für mich bezahlt hat, kommt öfter vor.
Beim Einzug in Gawiro war feierliche Einholung; von weither kamen uns die Leute entgegen, in Gawiro selbst offizieller Empfang. Merere nahm auf dem von seinem Vater ererbten, schön geschnitzten und mit Metall eingelegten Stuhle Platz, der ihm überall von einem eigens hierzu angestellten Jüngling nachgetragen wird. Wir setzten uns neben den Sultan. Die Leute knieten nieder, indem sie, die Handflächen aneinander reibend, die vorgestreckten Arme hin und her bewegten, und sagten „adse senja“ (Gegrüßt seist du, Rindvieh!), worauf Merere erwidert: „Guiri juga“ (Guten Morgen, wir grüßen dich!). Wenn Merere von einer Reise zurückkehrt, wird er mit dem zweimal wiederholten Rufe begrüßt: „Guage senja“ (Guten Morgen, Rind!), „Wadjeri Msenga“ (Guten Tag, o Rindvieh!). Die Halle, in der diese Begrüßung stattfand, war mit Spiegeln an den Wänden, Fellen und Waffen ganz geschmackvoll ausgestattet. Auch die übrigen Räume fand ich ganz wohnlich eingerichtet; unter Mereres Stuhl war sogar ein schönes Leopardenfell als Teppich ausgebreitet. Von besonderem Interesse war für uns Mereres Haus, da es an den Außenseiten mit Wandmalereien geschmückt war, die in der ganzen Auffassung des Dargestellten am besten für die kindlich naive Anschauungsweise unserer schwarzen Freunde sprechen. Auf den Bildern aus grellbunten Erdfarben, die der eingeborene al fresco-Künstler sich an Ort und Stelle zusammengemischt hatte, war Quawa dargestellt, wie er mit Mpangire und seinen Brüdern zum Kriege auszieht, die Fahne voran; ferner ein Jäger, der, hinter einem Baum versteckt, auf einen Elefanten schießt; die Zeichnung des Elefanten, dem der Maler beide Stoßzähne auf die dem Beschauer zugekehrte Seite gemalt hatte, erinnerte lebhaft an die naiven Darstellungen auf altägyptischen Bildern; an der Vorderseite waren zwei große Giraffen aufgemalt. Diese Wandbilder sind im ganzen Gebiete die einzigen Zeichen von künstlerischer bezw. malerischer Betätigung; Quawa hatte sie sich auf die Wände seiner Tembe malen lassen; da sie in der dunklen Halle jedoch nicht zur Geltung kamen, ließ Merere auf den Außenwänden seiner Tembe dieselben Bilder anbringen. Bemerkenswert ist auch, daß Merere als erster schwarzer Herrscher im Innern sich ein zweistöckiges steinernes Haus bauen läßt; das Aufrichten lotrechter Wände macht ihm freilich viel Kopfschmerzen.
Mit Herrn v. der Marwitz, der inzwischen eingetroffen, setzten wir uns weiter in Marsch, und zwar kamen wir nun in wildreiche Gegend; besonders die Zebras, denen ich auf meinem Maultiere mich bis auf etwa 100 Meter nähern konnte, boten einen prächtigen Anblick; die mit Leierantilopen vermischten Herden formierten sich manchmal wie eine Kavallerie-Brigade mit vorgezogenen Kommandeuren und Adjutanten. Bei Usafa, etwa drei Stunden nördlich von Gawiro, geht das charakteristische weitgewellte Ubena-Grasland der Uheheberge auf, und es beginnt die Tischplatten-Niederung des Mpangali oder großen Ruaha, welche zunächst bis zur größten Ortschaft Kiwere mit Busch und Strauch bedeckt ist. Über Kiwere hinaus, und zwar bis an den Usafaabfall im Westen, die Vorhügel von Niam-Niam im Norden, an die Irongoberge im Osten, dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine gewaltige, fast baumlose Ebene aus, die zwar in der Regenzeit mit Gras bestanden, aber in den trockenen Zeiten, namentlich nach den Grasbränden, unbeschreiblich öde wäre, wenn nicht die kolossalen Wildherden Leben in das Bild brächten. Verschiedentlich glaubte ich noch aus 1500 Meter Entfernung, mitten in der gelben Ebene, eine lange Strecke Buschwald vor mir zu sehen, der sich aber bei Annäherung als eine etwa 1000 Stück starke Herde von vorherrschend Zebras und Leierantilopen auswies. Rhinozeros und Elefanten sind auch nicht selten, während Löwen nachgerade hier zu Hause zu sein schienen. Merere wurde eingehend über den Wert des Zebras belehrt. Am Mpangali selbst liegen keine Dörfer, wohl aber ist eine Reihe Niederlassungen, meist Neuansiedelungen, durch Merere ein bis zwei Stunden vom Flusse ab in der Steppe verstreut; nur am linken Ufer ist die Steppe von Ulanga westlich menschenleer und fast ohne Wald. Bei Ulanga, einer Niederlassung mit 60 Hütten, trennten wir uns am 19. Mai 1899. Merere ging auf direktem Wege nach seiner neuen Residenz Utengule, um Vorbereitung zum Schauri zu treffen.
Am Ruaha schlugen wir unser Lager auf, an der einzigen Stelle, wo der Fluß einigermaßen passierbar ist; die vielen Krokodile, die sich hier aufhalten, machen den Übergang doch etwas riskant, ich balancierte, die Füße auf den Hals meines Maultieres gelegt, glücklich und ohne weitere Anfechtung hindurch. Dann trafen wir nach kurzer Mittagspause Vorbereitungen zur Kibokojagd (Nilpferd). Ich war in keiner geringen Aufregung: zum erstenmal auf Flußpferde pürschen — da darf man schon Jagdfieber haben.
Wir waren kaum 300 Meter am Ufer entlang gegangen, als wir auch schon die ersten Tiere sahen: prustend kamen zwei unförmliche Schnauzen aus dem Wasser, um nach ein paar schnaufenden Atemzügen rasch wieder unterzutauchen. — Hier faßte Herr v. der Marwitz Posten, während Tom und ich weitergingen. Bald fanden wir eine ganze Familie: die Alten scheu und vorsichtig immer nur auf Augenblicke den Kopf aus dem Wasser reckend, die Totos dagegen vergnügt und sorglos herumplätschernd. Wir beobachteten eine Zeitlang das interessante Bild, als plötzlich von der Seite unseres Jagdgenossen ein Schuß fiel, dem bald noch mehrere folgten. Jetzt galt es auch für uns, zum Schusse zu kommen, ehe die Dickhäuter sich von dem Knall verscheuchen ließen. Ich stellte mich hinter Tom, um ihm rasch die Patronen zureichen zu können. Es war nicht ganz leicht, den stärksten Kopf von den oft nur sekundenlang auftauchenden Ungetümen aufs Korn zu nehmen, und es dauerte lange, bis Tom endlich schoß. Das getroffene Tier warf sich hoch auf aus dem Wasser, schlug mit den kurzen plumpen Beinen und versank dann lautlos; wir hatten die Kugel dicht unter dem Auge einschlagen sehen, wenn es also nicht zu weit abtrieb, mußten wir das Tier finden.
Die badende Kibokoherde hatte eine Anzahl Krokodile angelockt, von denen Tom eins, welches auf einer Sandbank am Ufer sich sonnte, zur Strecke brachte; es war ein stattlicher Bursche.