Herr v. der Marwitz hatte Glück gehabt, sein Kiboko hatte ihm den Gefallen getan, angeschossen auf das Ufer zu klettern, wo er ihm den Fangschuß geben konnte. Angesichts dieses Kolosses wurden wir doch zweifelhaft, ob unser Kiboko auch wirklich tödlich getroffen wäre; es ließ Tom keine Ruhe, und so ging er denn selbst noch einmal, um den Fluß abzusuchen; sehr vergnügt kehrte er mit der Nachricht zurück, daß auch unsere Jagdbeute glücklich auf einer Sandbank im Strome gestrandet sei.
Am anderen Morgen galt es, die beiden Kolosse und das Krokodil zu bergen. Das war keine leichte Arbeit; unsere Leute strengten sich gewaltig an, die starren, unbeweglichen Fleischkolosse durch den Fluß und die Uferhöhe hinauf zu schleppen; die Aussicht auf den seltenen Überfluß an Fleisch schien ihnen Riesenkräfte zu verleihen.
Die Nachricht von unserem Jagdglück hatte sich mit Windeseile in der Gegend verbreitet, von allen Seiten kamen Einwohner der umliegenden Dörfer, um von der Beute ihr Teil zu holen. Ehe wir sie ihnen überließen, photographierte ich die beiden Kibokos und das Krokodil; dann wandten wir uns ab von dem scheußlichen Anblick dieser gierigen, heulenden, hungrigen Schar, die mit Messern, Äxten und Speeren in dem Fleische der toten Tiere herumwühlte und sich um die besten Stücke zankte.
Nur mit Mühe brachten die Wasagiras, die sich vorher schon über die Verteilung des Fleisches geeinigt hatten, Ordnung in dieses tobende Chaos.
Während hier der tollste Lärm um unsere Riesenbeute tobte, saß Herr v. der Marwitz unweit davon am Ufer und holte mit seiner Angelschnur in größter Seelenruhe Fisch auf Fisch aus dem Wasser, die uns zu Mittag vortrefflich schmeckten.
Nachmittags passierten wir, nachdem wir den Fluß nochmals durchschritten, eine Stelle, an der Herr v. der Marwitz vor einigen Monaten 32 Flußpferde erlegt hatte; die von den Hyänen abgenagten Knochenhaufen machten einen unheimlichen Eindruck. Kurz darauf kamen wir nach Ulanga, einem Dorfe mit runden Hütten. Am anderen Morgen großer Alarm: soeben war ein Trupp Elefanten dicht am Dorfe vorbeigelaufen, in der Ferne konnten wir sie noch sehen! Eine Verfolgung blieb, wie zu erwarten, ohne Erfolg, nur einen Antilopenbock brachte Tom zur Strecke. Mehr Glück hatten wir später in der Nähe einer kleinen Ansiedelung von acht Hütten, Karadja; dort konnte ich eine Strecke photographieren, bestehend aus 1 Zebra, 1 Kuhantilope, 3 Nämära, 1 Swala, 1 Schwarzfersenantilope. Die Leute leben hier fast ausschließlich von der Jagd, Feldfrüchte bauen sie fast gar nicht, tauschen solche vielmehr in den Nachbardörfern gegen das Fleisch ihrer Jagdbeute ein, und damit ist beiden Teilen aufs beste geholfen.
Im weiteren Verlaufe unseres Marsches hatte ich Gelegenheit, mich dicht an einen größeren Trupp von Zebras anzupirschen und die prächtigen Tiere lange zu beobachten; ein wunderbares Bild: die zierlichen Tiere fühlten sich ganz sicher, die Fohlen spielten und sprangen um die alten Tiere herum, die sorglos grasten; erst als mein Maultier hart auf einen großen Stein auftrat, schraken sie zusammen und wurden flüchtig.
Das wichtigste Ereignis stand mir jedoch noch bevor. Etwa 150 Schritt abseits unseres Weges stieg plötzlich eine schwarze Wolke von Aasgeiern auf, dort mußte also ein ausgiebiger Futterplatz sein. Aber sollten wir auf diese Entfernung hin das Frühstück gestört haben? Ich schickte einen Wahehe nach der Richtung, doch der war kaum in die Nähe gekommen, als sich plötzlich ein mächtiger Löwe aus dem hohen Grase erhob! Es war ein prachtvolles starkes Tier mit dichter Mähne, die er zornig schüttelte. Der Wahehe stand vor Schreck wie festgenagelt, und ich meinte nicht anders, als daß der Löwe ihn im nächsten Augenblicke unter seinen Pranken haben würde — aber ich hatte den Wüstenkönig überschätzt. Ehe noch Tom aus dem Sattel und mit der Büchse zur Stelle war, hatte der Löwe sich schon bis auf etwa 300 Schritt entfernt; dann wandte er sich wieder und äugte nach uns herüber, sobald wir ihm aber folgten, brachte er immer größere Strecken zwischen sich und uns, bis er endlich am Horizonte verschwand.
Das ganze Benehmen deutet auf alles andere, als auf die vielgerühmte Tollkühnheit und Tapferkeit des sogenannten „Königs der Tiere“ — mir kam es erbärmlich feige vor, als das kraftvolle stattliche Tier Reißaus nahm. Unverbesserliche Optimisten mögen darin vielleicht ein Zeichen der sprichwörtlichen „Großmut“ erkennen, daß er sich nicht auf den Wahehe stürzte. Das Urteil über die bewundernswerten Eigenschaften des Wüstenkönigs scheint mir nach allem, was unsere „Afrikaner“ davon erlebt und erzählt und was ich selbst von ihm gesehen habe, sehr der Revision bedürftig. Jedenfalls darf man den Begriff „König“ nicht in dem Sinn auffassen, wie wir Europäer das zu tun gewohnt sind; man kommt der Sache schon besser bei, wenn man den Begriff nach dem Beispiele der sehr ehrenwerten Mitglieder des Pickwick-Klub „in a Pickwickian i. e. African point of view“ nimmt.
Da Tom für seine kartographischen Aufnahmen den Fluß als Basis benutzen wollte, hielten wir uns die nächsten Tage am Ruaha auf. Noch am Vorabende unseres Aufbruches, am 24. Mai, hatte ich Gelegenheit, mich auf eine Kibokofamilie anzupirschen, die sorglos im Strom badete. Ich muß gestehen, daß ich in nicht geringer Aufregung war, als ich zum ersten Male die Büchse erhob, das Herz schlug mir hörbar bis zum Hals hinauf, so daß ich mein Ziel, den in kurzen Zwischenräumen auftauchenden Kopf meines Wildes, kaum fest in die Visierlinie bringen konnte: ich hatte das richtige Büchsenfieber! Endlich, als sich meine Nerven beruhigt hatten, paßte ich meine Gelegenheit ab; ich blieb im Anschlag liegen, bis der ungefüge Kopf des zur Beute erkorenen Tieres aus dem Wasser auftauchte, und diesmal ließ ich ihm keine Zeit, mich wieder zu necken; noch ehe er wieder im Wasser verschwinden konnte, gab ich Feuer — die Kugel schlug dicht über dem rechten Auge ein, und mein Kiboko verschwand im Wasser! Wenn ich auch meiner Sache ganz sicher zu sein glaubte, daß der Schuß gut gesessen, war ich doch in großer Spannung, in die sich allmählich auch gelinde Zweifel mischten, ob wir das Tier finden würden, um so größer daher meine Freude, als unsere Leute mit Jubelgeschrei verkündeten, daß mein Kiboko mit weidgerechtem Kopfschuß etwas weiter stromabwärts an einer Sandbank angetrieben sei.