Mein Jagdglück feierten wir nach dem Abendbrote unten am Fluß. Im Mondschein floß der Ruaha wie ein silbernes Band leise rauschend durch die dunklen Schatten seiner waldigen, hügeligen Umgebung; als afrikanische Staffage belebt dies in majestätischer Ruhe vor uns ausgebreitete Landschaftsbild eine Familie von Flußpferden, die im Gefühl, so ganz unter sich und zu Hause zu sein, ihre schwarzen nassen Leiber im Silberglanze des Mondlichtes aufblitzen ließen, die kühle wohltuende Nachtluft, säuselnd in den Palmenwipfeln — es war ein herrlicher Abend, der mir unvergeßlich bleiben wird, es waren Stunden, die zum inneren Erlebnis werden, die Herz und Gemüt, Körper und Geist so vollkommen mit ihrem Zauber durchdringen, daß sich die tiefste Trauer, der heftigste Schmerz in linde Wehmut lösen, in stille Sehnsucht, wie Windstille nach dem Sturme. Die schwere Zeit, die eben jetzt hinter mir liegt, mit ihren Ängsten und Sorgen, mit ihren Leiden und — Hoffnungen, werden mich solche Stunden freilich nicht vergessen machen; aber es liegt jetzt wie ein verklärender Schimmer über der Erinnerung an jene Leidenszeit, eine versöhnliche Stimmung, die den unfruchtbaren Hader mit dem Schicksal aufgibt und den Blick wieder fest und vertrauensvoll auf das gesteckte Ziel richtet. Blicke ich zurück auf diese unsere letzte Safari in unserem ersten Wirkungskreise, in dem ich meinem Gatten bei Erfüllung der schweren Pflichten seines Amtes, soweit es in meinen Kräften stand, zur Hand gehen konnte, dann ist es mir, als wollte dies wilde, unwegsame Land der „weißen Bibi“ nach all ihrem Leid nun auch alle seine Wunder offenbaren, wie zum Trost für das schwere Opfer, mit der das Mutterherz sich ein Heimatsrecht in diesem Lande erkaufen mußte.

Ja, Afrika ist jetzt unsere zweite Heimat, wir haben sie uns erkämpft und erstritten, nicht nur mit der Waffe in der Hand. Und das Zeichen unseres Sieges?... ein kleiner Grabhügel in Iringa, der nun alles birgt, was Elternherzen an hoffnungsvollen Zukunftsträumen gehegt! Ruhe sanft in deutscher Erde, Du liebes Jungchen!


Am 25. Mai brechen wir vom Zusammenflusse des Barali und Kumani mit dem Ruaha auf, einem landschaftlich besonders interessanten Punkte; die drei großen Flüsse bilden eine seeartige Erweiterung, auf deren flachen Sandbänken sich zahlreiche Krokodile sonnten; Tom schoß zwei davon. Über Kimara erreichten wir am 27. den Kimarafluß in der Nähe des Dorfes Komalingi; hier hatten kürzlich die Pocken furchtbar gehaust, von 62 Bewohnern waren nur 23 übrig geblieben. Am 28. waren wir in Mtengule, dem Stammsitze Mereres, dessen Vorväter schon hier als Sultane gesessen haben. Tom hielt hier Steuer-Schauri, in Anbetracht der langjährigen Bedrückungen von seiten des Sultans Quawa wurden die erbetenen Vergünstigungen gewährt. Tom hatte den Ort an Merere wieder zurückgegeben, der nun, nach unser aller Quälgeist, Quawas, Tod zum Mittelpunkt einer seßhaften, landbauenden Bevölkerung zu werden verspricht. Merere thronte auf dem von seinen Vätern ererbten Stuhle, auch ein großes, mit allerhand Stäbchen durchflochtenes Perlenhalsband gehörte mit zu den Attributen seiner Würde.

Hier trafen wir auch den auf einer Forschungsreise begriffenen Dr. Fülleborn. Er versah uns reichlich mit Lymphe, so daß wir im weiteren Verlaufe unseres Zuges zahlreiche Impfungen vornehmen konnten. Wir verlebten mit diesem liebenswürdigen Gelehrten recht frohe Stunden. Von allen Ehrungen, die uns von seiten Mereres zuteil wurden, war der Tanz seiner etwa 300 alten und jungen Weiber entschieden die anstrengendste für beide Teile, denn diese Feierlichkeit dauerte 24 Stunden! Wir sahen sie uns natürlich nur für kurze Zeit an, aber das Geschrei dieser schwarzen Mänaden klang noch in unsere Nachtruhe hinein. Übrigens stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß von sämtlichen jungen Frauen auch nicht eine einzige wirklich hübsch zu nennen war.

Am 30. Mai kamen wir nach ziemlich anstrengendem Marsche durch eine etwa 40 Kilometer breite, rings von Bergspitzen und Kuppen umsäumte Grasebene nach Ruipa, dem Grenzorte von Mereres Reich und Residenz seiner Mutter. Die alte Dame — man kann diesen europäischen Begriff in der Tat auf die weißhaarige, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung auftretende Mutter des Sultans anwenden — machte auf uns den besten Eindruck; sie hat viel natürlichen Anstand, und die Unterhaltung mit ihr war wirklich interessant. So viel Achtung und Ehrerbietung die kluge, alte Sultanin auch bei ihrem Volke genießt, in Gegenwart ihres Sohnes, des regierenden Herrn, darf sie sich nicht auf einen Stuhl setzen, sondern muß in seiner Nähe auf dem Boden kauern, wie es auch die Araber tun müssen, die sich doch weit erhaben über die Neger dünken.

An der Ruahaquelle, am 13. Juni 1899.

Die letzten beiden Wochen passierten wir mehrere Dörfer, in denen die schwarzen Pocken furchtbar gewütet hatten; vom Kinde bis zum ältesten Greise kaum eine Person ohne Pockennarben. Auch die Malaria machte sich wieder recht fühlbar. Wir haben, jedenfalls aus dem Lager am 3. Juni in Mbarali, die Fieberkeime mitgebracht; Toms heftiger Anfall ging zum Glück rasch vorüber, aber ich bin so schwach, daß ich mich für den Rest unserer Safari noch tragen lassen muß.

Am 21. Juni treffen wir wieder in Alt-Iringa ein.