Mit schmerzlicher Wehmut gedachten wir des heiligen Abends im vergangenen Jahre; in der zu einer Kapelle umgewandelten Halle hatten wir freudigen Herzens unsern Erstgeborenen taufen lassen und dann das heilige Abendmahl genommen.

Zur Taufe war der uns sehr sympathische Missionar Bunk von der Berliner evangelischen Missionsgesellschaft von seiner Station zu uns herübergekommen. Seitdem die Verhältnisse in Uhehe friedlicher geworden sind, ist auch diese Missionsgesellschaft hier in Arbeit getreten. Sie hatte schon mehrere Stationen im Kondelande am Nyassa und ist nun von dort, also von Westen her, an mehreren Punkten in Uhehe vorgedrungen. Ihre rasch angelegten Stationen versprechen guten Erfolg. Tom ist es eine Freude, diesen tüchtigen deutschen Männern in mancherlei Beziehung hilfreich sein zu können. Schwierigkeiten könnten ja entstehen aus einem Wettbewerb der katholischen und evangelischen Missionen. Aber bei den Größenverhältnissen unseres Landes und bei dem auf beiden Seiten vorhandenen Taktgefühl wird das kaum zu befürchten sein.

Auf der Station ging es nun auch ans Abschiednehmen. Wir besuchten noch einmal alle die Stätten unserer Tätigkeit; besonders der Garten mit seinen gleichmäßigen, gutgepflegten Beeten und Wegen bezeugte es mir, daß ich hier nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt hatte, seine Erträgnisse kommen nun unsern Nachfolgern und ihrer Küche zugute. Die Übergabe der Station an Herrn v. der Marwitz erfolgte unter militärischer Feierlichkeit, in Gegenwart sämtlicher Jumben. Tom hielt eine Ansprache an die Askaris, in der er betonte, er freue sich, seinem Nachfolger eine so erprobte, tüchtige Kompagnie übergeben zu können; dann reichte er jedem Askari die Hand; auch die Jumben mahnte er zur Treue, sie hätten nun gesehen, daß der deutschen Macht keiner auf die Dauer mit Erfolg sich widersetzen könne, selbst Quawa habe unterliegen müssen. Für ihre Treue und Anhänglichkeit würden sie dann durch den Segen friedlicher Arbeit unter dem mächtigen Schutze der schwarz-weiß-roten Flagge belohnt werden. Alles war sehr feierlich gestimmt, nach afrikanischer Sitte freilich ringsum ein Höllenlärm mit Schießen und Schreien, in welchem vor allem die schrillen, gellenden Weiberstimmen dominierten, die ganze Stadt war auf den Beinen und des Abschiednehmens und Händeschüttelns kein Ende. Dann setzte sich die Musik an die Spitze, und geleitet von sämtlichen Europäern, unsern Askaris und großem Gefolge aus der Einwohnerschaft, zogen wir den Berg hinab. Dort verabschiedeten wir uns zum letztenmal von unsern Soldaten, dem Wali, dem Griechen und anderen alten Bekannten; die Europäer begleiteten uns noch weiter bis zu unserem ersten Lager am Ruaha. Eine Abschiedsbowle versammelte uns zum letztenmal um den Tisch, die Herren benutzten unsere Kisten als Stühle, und manche herzliche Rede, heiter und ernst, stieg uns zu Ehren nach alter schöner Heimatsitte.....

5. Januar 1900.

Der steile Abstieg liegt hinter uns. Das waren anstrengende Tagemärsche und noch dazu in strömendem Regen. Das Gebirgsland Uhehe liegt hinter uns, jetzt nähern wir uns wieder der Ebene. Der Temperaturunterschied ist bereits fühlbar, die frische, reine Bergluft werden wir nun nicht wieder atmen, die Ebene mit ihren warmen, fieberbergenden Ausdünstungen macht sich geltend. Ich ließ unsere Karawane an mir vorüberziehen, Träger, Askaris mit ihren Frauen und Boys, alles in allem etwa 150 Menschen; unter ihnen die Witwe eines unserer Askaris, eine Sudanesin, die nach dem Tode ihres Mannes wieder in ihre Heimat zurückkehren will; sie hat mir oft in Haushalt und Küche geholfen, bei dem Begräbnis ihres Mannes schloß ich mich dem Gefolge an, nicht als Bibi Kwubwa („gnädige Frau“), sondern als Leidtragende, was ihr damals von den anderen Frauen als hohe Ehre angerechnet wurde, jetzt geht sie unter meinem Schutze zurück zur Küste.

Die Jumben aus der Umgegend stellen sich alle ein, um uns glückliche Reise zu wünschen; dabei tauschten wir alte Erinnerungen aus, wie sie uns damals feindlich gegenüberstanden, als Quawas Einfluß noch wirksam; ich frug sie, warum sie mich damals in Perondo nicht angegriffen hätten, obgleich sie wußten, daß Tom auf einem Kriegszuge abwesend war; die Antwort lautete wieder: wir hatten Furcht vor dir, man hatte uns überall gesagt, du würdest uns alle töten! Nähere Erklärungen über diese heikle Frage vermied ich mit diplomatischer Gewandtheit, im Stillen segnete ich aber die Urheber jenes Gerüchtes, dem ich es verdanke, daß ich mich jetzt wohlbehalten auf der Heimreise befinde. Von großem Interesse ist es mir, aus Toms und der Jumben Unterhaltung zu hören, wann und wie nahe wir uns oft gegenübergestanden haben; das wird jetzt alles mit einer Gemütlichkeit und einem Interesse verhandelt, als gälte es einem Jagdzuge auf Kibokos und nicht dem Vernichtungskampfe auf Leben und Tod. Gott sei Dank, daß wir jetzt so ruhig über jene Zeit reden können.

Mgowero, 6. Januar 1900.

Der Übergang aus dem gesunden Gebirgsklima Uhehes zur heißen Ebene macht sich geltend; der heutige Marsch in der Glühhitze war furchtbar. Als wir am Lagerplatz unser Zelt aufschlagen ließen, stürzte einer der Leute vom Hitzschlag getroffen und starb trotz aller angewandten Mittel bald. Seine Frau wollte mit ihrem Jungen, einem allerliebsten kleinen Bengel von drei Jahren, bei der Leiche zurückbleiben, doch redete ich ihr so lange zu, bis sie sich entschloß, mit mir weiterzuziehen; was wäre aus dem armen Weibe in der Wildnis geworden?

7. Januar 1900.