Der Jumbe, ein noch junger Bursche, dessen Vater Tom gekannt hat, kam uns mit seinen Leuten zwei Stunden weit entgegen. Hier hatte Chef Fließbach damals nach dem Wahehe-Überfall die Boma Uleia gebaut (bei Kondoa), wo der tapfere Leutnant Brüning den Heldentod starb. Unser Weg ist überhaupt reich an Erinnerungsstätten für Tom an frühere Kämpfe und Überfälle; ein Netz solcher denkwürdiger Punkte erstreckt sich bis zum Rikwasee, von Songea, Tabora bis hinauf nach dem Kilimatscharo, sieben Jahre Kämpfe lassen ihre Spuren zurück. Die Angst vor den Wahehe ist hier noch unverkennbar, zehn dieser wilden Gesellen würden genügen, die ganze Einwohnerschaft zu verjagen. Gott sei Dank ist kein Grund mehr zu dieser Befürchtung vorhanden, seitdem Tom dieses tapfere Volk in sich zersplittert und unseren Interessen dienstbar gemacht hat. Bis hierher hatte sich Quawas Machtbereich erstreckt. Dem Jumben von Lusolwe, welcher Herrn v. Zelewski Chakula geliefert hatte, hatte er zur Strafe den Kopf abschlagen lassen, nur Farhenga, sein politischer Agent, brachte sich schleunigst in Sicherheit, um nicht auch der Rache des blutdürstigen Tyrannen zu verfallen. So ist es zu verstehen, daß die Leute hier in dem mächtigen, ehemaligen Quawa-Gebiete und den angrenzenden Landschaften in Tom jetzt ihren Befreier begrüßen.

Kilossa, 12. Januar 1900.

Heute starker Marsch, von 6 bis 10 Uhr und nachmittags von 1 bis 3½ Uhr. Meinem Manne machte es große Freude, die Station Kilossa, die er 1891 gegründet, wieder zu sehen, und freute sich über die schöne Entwicklung. Auf der Boma herzlichster Empfang und die liebenswürdigste Gastfreundschaft; Leutnant Abel war uns zu unserer freudigen Überraschung eine große Strecke entgegengeritten. Wir trafen hier die Leutnants Sand[11] und Pfeiffer[12], die, von Dar-es-Salaam kommend, auf dem Marsche nach Iringa sich befanden, sowie Zahlmeister Asp, der nach Muanza ging. Kilossa ist wie ein Taubenschlag, stetes Kommen und Gehen; um so höher müssen wir die Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde einschätzen, die uns in einer Weise aufnahmen, als seien Gäste für sie ein ganz ungewöhnliches, seltenes Ereignis. Leutnant Abel und Dr. Brückner hatten sogar ein trauliches Zimmer für uns hergerichtet; wir wurden gleich mit kühlem Bier erfrischt; dann besahen wir uns den Garten, die Ställe usw. und waren dann beim Diner äußerst vergnügt.

Am 16. hatten wir die große Freude, einen alten Freund meines Mannes, den Pater Oberle, auf seiner Station Mrogoro zu begrüßen, bis wohin unser alter Bundesbruder Kingomdogo von Geringeri aus uns das Geleite gegeben hatte.

Die Mission ist sehr schön gelegen, inmitten steiler, aus der Ebene unvermittelt schroff emporragender Berge, an einem Abhange, von dem aus sich eine wunderbare Fernsicht bietet. Im Garten eine reiche Auswahl von tropischen Kulturpflanzen: Kaffee, Orangen, Zitronen, Custard-Appels, Zimt, Kokospalmen und anderen jungen Anpflanzungen, ebenso ein prächtiger Blumenflor. Die Kirche ist das stattlichste Gebäude, was ich je, mit so unzulänglichen Mitteln errichtet, gesehen habe, 46 m lang, 10 m breit, 8 m hoch. Der Pater Superior ließ die Missionskinder singen; es war wirklich überraschend, wie hübsch die deutschen Gesänge zur Geltung kamen; besonderes Lob konnten wir aber dem schwarzen Organisten für sein wirklich schönes Orgelspiel spenden. Der Pater Superior Oberle und Tom sind schon seit 1892 befreundet, als Tom Chef der Station Kilossa war. Erst spät am Abend trennten wir uns von dem lieben Gastfreund, der uns gern noch länger beherbergt hätte.

Unsere Karawane hatten wir nach Simbamuene vorausgeschickt, wohin wir ihr bei schönstem Mondschein folgten. Dort schwingt eine Frau das Szepter als Jumbin, und zwar mit Erfolg. Wir wurden gleich nach unserer Ankunft in ihrer Hütte mit Bananen, Milch, Eiern und Hühnern reichlich bewirtet, da der unerträgliche Rauch uns aber allzusehr in die Augen biß, verabschiedeten wir uns möglichst bald von der gastfreundlichen alten Dame.

Am 17. waren wir in Mrogoro. Unser Lager ist wieder der Sammelplatz aller Jumben aus der Gegend, die uns begrüßen wollen; die Anhänglichkeit der Leute hier, wo Tom seit 1895 nicht wieder gewesen ist, ist wirklich rührend. Mit Gesang, Trommeln und Schießen werden wir eingeholt und im Triumphzug nach dem Lagerplatze geleitet. So ging es jeden Tag seit unserem Abschied von Kilossa, der Begriff „Ruhe“ ist für mich zum Gegenstand stiller, aber heißer Sehnsucht geworden. Unterwegs trafen wir den Landwirt Hierl mit einem kleinen, von zwei Eseln gezogenen Wagen, dem ersten Gefährt, das von Dar-es-Salaam auf so weite Entfernung ins Innere gelangt ist. Diese erste Fahrt ist ein gutes Zeichen für die künftige Erschließung von Uhehe; wird erst ein praktikabeler Fahrweg für größere Fuhrwerke angelegt und instandgehalten, dann bilden auch die steilen Mageberge kein Hindernis mehr, da man sie dann umgehen kann.

Am 18. passierten wir Kiroka, das „Pensionopolis“ unserer Askaris, von denen sich eine Anzahl nach Ablauf ihrer Dienstzeit hier angesiedelt hat (also eine Art Görlitz „in Schwarz“), auch sie kamen uns weit entgegen, um ihren früheren Chef zu begrüßen. Abends rasteten wir in Kikundi. Von hier aus wird die Gegend ganz eben, die Rasthäuser sind schmutzig und für uns unbenutzbar, auch das gute Wasser wird selten.

Sabiro, 19. Januar 1900.

Die Hitze auf dem heutigen Marsche hat mich ganz elend gemacht, auch das Wasser ist schlecht, ebenso das Rasthaus. Dicht neben unserem Wege tauchte plötzlich ein Leopard aus dem dichten Gebüsch auf; er entkam, ehe Tom schußfertig war, denn auf solche Begegnungen hatten wir kaum noch gerechnet.