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In der Nacht formten sich alle lungernd hingebrachten Stunden, Sorgen um Brot, Graupen und einfaches Bier, verwirrtes Augensenken vor gewaltigen Versen, rätselhafte Erschütterung im Übersturz der Musik und der sicheren Haltung des wohlgekleideten Nachbarn in der Elektrischen zu einer Wolke von Haß, die undicht kaum das Bündel Blitze in sich halten konnte. Überreizt und hell strahlte Bewußtsein auf, Erkennung seines Proletentums, von allen ausgenutzt, Brandmarkung der Geste des Rebellen, in der Ohnmacht verachtet, im Sieg noch verlächelt. Aber hervortreten wollte er wie ein Gott, Schrei von Millionen in der Kehle fühlend. Ging nicht das Beste, was der Gegner besaß, seine Frau, zu ihm über? Zweifelte sie nicht schon an der Unerschütterlichkeit

ihrer Himmel, da sie an seiner Seite nicht die beschwörende Bewegung der Distance machte? Wehte nicht schon ihres Haares feindliche Fahne ihm zur Seite? Spitz über das Deckbett hinweg stieß der Mond seinen Lanzenschaft ihm zwischen die Augen. Pfui! kroch eine Antwort auf. Mütterlich drohender Sonnenschirm in einer Landschaft silberner Pappeln verwies ihm mürrisch weggestoßenen Arm, den er über eine Brücke zum sichern Geleit ergreifen sollte. Hilde vertraute. Gab es mehr als das auf der Welt? Nie war ihm seit der Versteifung im Betrieb studentischer Fatzkereien anderes als Reserve zuteil geworden. Vertrauen, köstlichstes der Betten, matte Sinne darin kühlen zu lassen. Vertrauen, einzige Rechtfertigung, aus der Taten entspringen, Vertrauen, für mich! Für mich! Dunkle, Junge, Jungfrau, du glaubst? Glaubst, daß ein Wort von mir ehrlich, nicht im Atem, fremden zu schlucken gewohnt, verseucht, seelischem Aufbruch, klar von Verdrehung des Geistes bis zu den Lippen entrönne! Also gibt es doch irgendwo Betrug. Recht für den, der ihn richtet. Neu gebiert sich Welt in mir. Göttliche Schwinge des Menschen ruht in deinem Kopfneigen, Fremde du, Ruth, Hilde, Ährenleserin! Daß die Knie vom Sturz brannten, stürzte Robert auf den Fußboden. Eisen die Hände zusammengeschmolzen floß über sie Beten. Aber an den stammelnder werdenden Worten schlich sich etwas vorbei und kollerte aus den Zähnen. Meckerte. Willig gaben die Wände Hall. Entsetzt stopfte Robert die Zunge vor. Es steigt auf. Hi! Hilde, hilf, Hilde, du, zeuge mir Gott! Inniger spannten die Schenkel in Beugung frommes Unterworfensein. Hi — Hi — hihihihi! Hihihi! Unterirdisch barst das Lachen aus Robert. Die Stube wandelte es in ein Dröhnen. Große Pauken die Ecken trommelten es zurück. Flatternd das Hemd, den Hals aus dem losen Kragen vorgeworfen, riß es Robert in die Höhe. Mit einem Male brach es ab

und über Krater und Schlacke letzten Versuchs stieg es wie Rauchgekräusel, zittrig und unsicher, um erst hinter den blutlosen Lippen brüllend aufzutoben: „Sentimentalitäten!“ Und mit dem Bewußtsein im unerbittlichen, endgültigsten Zweikampf seines Lebens untergehen zu müssen, wurde er von dem Gedanken daran niedergehauen. —

In sein Hirn schrieb der immer noch wache Mond vor kurzem gelesene Verse eines Bruder-Dichters:

„Unwürdig zu Füßen dem Weib,

Der unerstürmten Belacherin, Lebensverwüsterin,

Heute zertrampelt von Launen,

Scheinmorgen borgend aus gnädigen Worten

— Liebe ersehn’ ich, endlose Liebe.“